Hochfeste der Scham (I): Demütigungsrituale

Anlässlich der Medienkampagne gegen Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, hat Nils Wegner vergangenen November in den sozialen Medien übersetzte Passagen eines Essays über Demütigung als politische Waffe verbreitet. Aufgrund regen Interesses und angesichts der aktuellen Kampagne gegen den jungen AfD-Politiker Kevin Dorow präsentieren wir mit freundlicher Genehmigung des Autors den Gesamttext in mehreren Teilen.

»Die Demütigung ›mit großem D‹ verweigert den sozialen Rahmen der normalisierten Begegnung. Tatsächlich ist genau diese Verweigerung die eigentliche Demütigung. Sie vermittelt den Betroffenen, dass im Umgang mit ihnen keine sozialen Normen mehr gelten, weil sie keine Menschen sind.«

William Ian Miller: »Humiliation. Part I: Its Domain and Strategies of Avoiding It«; in: ders.: Humiliation. And Other Essays on Honor, Social Discomfort, and Violence, Ithaca u. London 1993, S. 131–174, hier S. 167.

In vielen Sommermonaten des Jahres 1944 war die Stimmung triumphal, der Wind drehte sich. Die Deutschen, die gefürchtete Kriegsmaschinerie der Nazis, befanden sich auf dem Rückzug, während die Alliierten sie im Westen Dorf um Dorf von den französischen Feldern vertrieben. Die Schande der demütigenden Niederlage und der Besatzung durch die Deutschen fand endlich ihr Ende; nun kam die Zeit zum Feiern. Die Menschen konnten wieder frei atmen. Sie konnten wieder frei sprechen. Wieder frei lieben. Wieder freie Menschen sein.

Und zur Feier dieses freudigen Anlasses veranstalteten sie eine Parade – eine Parade halb nackter, kahl geschorener Frauen, ihre tränennassen Wangen rot von Scham und mit Lippenstift aufgemalten Hakenkreuzen, die unter dem fröhlichen Gespött und Gebrüll einer blutgeilen Menge auf Lastwagen verladen wurden. In diesen guten Menschen des freien Frankreich schlugen die animalischen Herzen eines rasenden Volkes, das seinen Durst nach Rache stillen, ein anderes Lebewesen zu Boden reißen und mit urtümlicher Freude niederhalten musste. Das andere demütigen musste. Das sie daran erinnern musste, dass sie keine Menschen waren.

Dieser Text handelt nicht nur von der Vergangenheit. Er handelt von der Vergangenheit, von der Gegenwart und vor allem von der Zukunft. Es geht hierbei um Kontrolle, um Schmerz und um Zerstörung. Die dunkle Seite der Menschheit ist nie ein einfaches Thema, und selbst ein flüchtiger Blick in die Dunkelheit bedeutet, sich allen möglichen Vorwürfen gegen den eigenen Charakter auszusetzen. Aber dies ist nicht nur notwendig, es ist das einzig Richtige. Wir müssen über Demütigung sprechen.

»Eine Beleidigung hinnehmen, eine Niederlage vergessen, vor dem Feinde winseln – das ist alles Zeichen wertlos und überflüssig gewordenen Lebens und also etwas ganz anderes als priesterliche Moral, die sich nicht an das wenn auch noch so verächtlich gewordene Leben klammert, sondern vom Leben und damit der Ehre überhaupt absieht. Es war schon gesagt worden: jede moralische Handlung ist im tiefsten Grunde ein Stück Askese und Abtötung des Daseins.«

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Bd. 2: Welthistorische Perspektiven, 31. Aufl., München 1922, S. 424.

Die Ursprünge dieses Artikels liegen in einem wild zusammengeschriebenen Twitter-Faden über den Artikel eines gewissen Dan Nosowitz in der Zeitschrift Modern Farmer: »This Trick Might Actually Get Americans to Eat Bugs«. Die Plattform Twitter eignet sich nicht gut dazu, die eigenen Gedanken zu sammeln, und noch viel weniger dazu, zu den unzähligen Themen zu recherchieren, die sich alle zur selben Zeit aus dem Faden ergaben.

Erst einmal müssen wir einen Begriff korrigieren. Der Begriff »Demütigungsritual« hat seine eigene spezielle Bedeutung, die – in Ermangelung eines besseren Wortes, ganz wertfrei – von Verschwörungsdenkern gebraucht wird. Darum wird es in diesem Text nicht gehen. Darüber hinaus hat der Begriff »rituelle Demütigung« wieder eine andere Bedeutung, die sich oft mit »Demütigungsritual« überschneidet und häufig, aber nicht immer, zur Beschreibung bestimmter Formen des Hazing1 dient.

Man könnte nun einwenden, dass es sich hierbei um Unterscheidungen ohne echten Unterschied handele, aber in diesem Text geht es um das Phänomen der »öffentlichen Demütigung« sowie dessen gesellschaftliche und politische Ausdrucksformen.

Der Artikel in Modern Farmer ist sehr seltsam und hat, so wie er geschrieben ist, etwas Unwirkliches. Der Trick liegt gewissermaßen darin, wie die Insektenzucht als Mittelsmann für Viehfutter dienen könne. Das Bizarre daran ist das Framing, dies sei eine Alternative dazu, den Amerikanern ihren Widerwillen gegen den Verzehr von Käfern auszutreiben. Die Frage, die hier dringend einer Antwort bedarf, lautet: »Warum denkt man überhaupt über so etwas nach?«

Die Entomophagie ist schon seit Langem eine Herzensangelegenheit unserer propagandistischen Klasse. So hat etwa Vice einen jämmerlichen Text darüber veröffentlicht, wie es ist, sich ausschließlich von Insekten zu ernähren, und am Ende geschlussfolgert:

»Es ist reine kulturelle Voreingenommenheit […], aber das ist nur eine Sache der Erziehung der Öffentlichkeit, und es ist wichtig, den einfachen Leuten Insekten schmackhaft zu machen.«

Man könnte ein ganzes Buch daraus machen, all die Artikel zu lesen, die in den letzten zehn Jahren zu dem Zweck geschrieben worden sind, die Menschen von den kulinarischen Vorzügen von Insekten zu überzeugen, und genau zu recherchieren, wem genau dieses Thema warum genau dermaßen wichtig ist. Wenn ihr diesen Artikel ein Jahr nach seiner Veröffentlichung lest, wird in der Zwischenzeit zweifellos eine ungeheure Zahl an neuen Texten darüber geschrieben worden sein.

Die Verantwortlichen werden ganz schön sauer, wenn man Fragen danach stellt, warum dazu ständig Neues publiziert wird. Sie unterstellen den Neugierigen, eine »Verschwörungstheorie um den Trend des Insektenessens« aufzubauen, wobei man das Wort »Trend« allerdings wohl mit tausend Fragezeichen versehen darf. Die empörte Reaktion auf das Hinterfragen läuft immer gleich ab, egal bei welchem Thema. »Warum ist dir das überhaupt so wichtig?«, fragen sie, sobald jemand etwas infrage stellt, das sie im Namen der Utopie tun, ob es sich dabei nun um das Austauschen der Rasse von fiktiven und nicht fiktiven Figuren handelt oder um die chemische Kastration von Kindern aus Gründen, die sogar dem Teufel selbst unbegreiflich sind. Die korrekte Antwort lautet stets: »Es ist mir so wichtig, weil es euch so wichtig ist.«

Wir wissen ohne den geringsten Zweifel, dass es ihnen sehr wichtig ist, die Menschen zum Insektenessen zu bringen. Jede Woche wird ein Artikel darüber veröffentlicht oder wiederveröffentlicht. Durchsucht nur einmal den Twitter-Account von CNN nach dem Wort »bugs« und achtet auf die Schlagzahl dieser Artikel. Jedes Mal, wenn das passiert, entspinnt sich aufs Neue ein Tanz, und denen ist offensichtlich völlig klar, wie die Menschen reagieren werden, nämlich indem Twitter-Nutzer die Artikel mit negativen Kommentaren überschwemmen und in den höchsten Tönen schreien: »ICH WERDE DIE KÄFER NICHT ESSEN!«. Es scheint fast, als hätten die große Freude an dem – aus ihrer Sicht – vergeblichen Widerstand der Menschen gegen ihre Pläne. Wahrscheinlich ist das auch so.

Ihr angeblicher Beweggrund ist die ökologische Nachhaltigkeit. Jeder, der kein Vollidiot ist, erkennt den Unsinn darin. Populationen erreichen irgendwann ein Maximum. Nichts ist für die Ewigkeit, auch wenn irgendwelche bescheuerten Popsongs das behaupten, und damit sind wir noch nicht einmal beim Thema angelangt, dass das eigentliche Problem nicht ökologische Nachhaltigkeit, sondern industrielle Instabilität ist (wobei Letztere sich verheerend auf Erstere auswirken wird). Die Kalifornier leben schon jetzt in der Angst, dass ihnen der Strom abgestellt wird. Die Antwort auf die ewige Frage: »Wird alles besser oder schlechter?«, die kennen wir bereits. Der Fortschrittskult kennt keinen Zauberspruch, der uns eine einfache und unerschöpfliche Energiequelle heraufbeschwört. Man kann die menschlichen und die Transportkosten im Ernährungssektor nicht dadurch verringern, dass man Insekten züchtet. Nein, hier geht es nicht um Nachhaltigkeit.

Wenn man in liberalen Gesellschaften lebt, die von Wurzellosen und Kosmopoliten gelenkt werden, dann muss man immer daran denken, dass alles anders ist, als es intuitiv scheint. Also muss man kontraintuitiv denken. Man muss kontraintuitiv denken, weil der Liberalismus so funktioniert. Jede Ideologie, jeder Glaube und jede Gruppe versuchen, die Vorherrschaft zu erlangen. Das nennt man »Leben«. Darum ging es Carl Schmitt, als er beim Blick auf Liberalismus und Kapitalismus anmerkte, dass man auf dieser Welt der Freund-Feind-Unterscheidung nicht entkommen könne und der Liberalismus als utilitaristisches Nichts der Flexibilität und Freiheit die unvermeidlichen Konflikte deshalb überwinden müsse, indem er alle widerstrebigen Kräfte zusammenfasse und neutralisiere.2 Wie alles andere hat auch der Liberalismus einen Willen zur Vorherrschaft, aber weil der Liberalismus seiner Ideologie nach frei und flexibel sein muss, muss er alles überwinden, was ihm entgegensteht, besonders in Bezug auf die Ökonomie.

Im liberalen Kapitalismus darf das Wachstum des Marktes niemals enden. So wie der Richter in Cormac McCarthys Die Abendröte im Westen muss auch der Liberalismus ein Suzerän werden, ein Herrscher über alle Herrscher auf der ganzen Welt, denn »[n]ur die Natur vermag den Menschen zum Sklaven zu machen, und nur wenn auch die letzte Kreatur hervorgescheucht ist und in all ihrer Nacktheit vor ihm steht, wird er der eigentliche [Suzerän] der Erde sein«. Der liberale Kapitalismus erzwang die Öffnung der Häfen Japans mit den »Schwarzen Schiffen« und deren Hinterladergeschützen, weil die Japaner den Toleranten gegenüber intolerant waren. Das ist das wahre Wesen von Karl Poppers Toleranzparadoxon.

Poppers sogenanntes Paradoxon ist kein Versuch, die Lücken im Verständnis von Toleranz eines geistig Zurückgebliebenen zu schließen, sondern plädiert dafür, dass alles, was der liberalen Ordnung – und insbesondere denen, die diese vorantreiben – entgegensteht, aufgespürt und vernichtet werden müsse, weil diejenigen, die für etwas stehen, insgesamt immer mächtiger seien als jene, die für nichts als die blanke Macht selbst stehen. Im Liberalismus gibt es keinen Vitalismus. Man muss kontraintuitiv denken. Wenn man die Dopamin versprühenden Leckerlis des Technokapitals erblickt, glaubt man vielleicht, eine Welt der Freiheit und der Möglichkeiten vor sich zu sehen, aber in Wahrheit hängt man nur am Tropf immer neuer Produkte, die den Nutzer unter der Kontrolle anderer halten.

Stellen Sie sich selbst die Frage: Über wie viel Autonomie verfügen Sie wirklich, sich außerhalb dieses Systems zu bewegen? Gar keine. Sie leben in einer falschen Wirklichkeit. Erinnern Sie sich: Der Liberalismus will herrschen, und weil er ein flexibles Nichts ist, muss er zwangsläufig über alles herrschen. Eroberer erobern ein Land nicht, um ihm etwas Gutes zu tun, und erst recht nicht den Menschen, die dort leben. Die Geschichte bestätigt das. Unsere Geschichte muss im Licht ihrer eigenen Feuer betrachtet werden.

(Originaltext: »The Feasts of Shame«; in: The American Sun vom 1. Januar 2020.)
(Autor: »Borzoi« alias »John Chapman«)
(Übersetzung: Nils Wegner)

  1. Als Hazing werden in der Soziologie verschiedene zumeist erniedrigende Initiationsriten bezeichnet, die Neulingen u. a. in Jugendbanden, den Greeks genannten US-Studentenverbindungen oder militärischen Eliteeinheiten abverlangt werden. [N. W.] ↩︎
  2. Vgl. hierzu insbesondere Schmitts Politische Theologie von 1922. [N. W.] ↩︎

3 Gedanken zu „Hochfeste der Scham (I): Demütigungsrituale“

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