Hochfeste der Scham (III): Liberale Zeiten

Anlässlich der Medienkampagne gegen Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, hat Nils Wegner vergangenen November in den sozialen Medien übersetzte Passagen eines Essays über Demütigung als politische Waffe verbreitet. Die aktuellen Fälle des jungen AfD-Politikers Kevin Dorow und der Generation Deutschland Nordrhein-Westfalen zeigen: Schuld und Scham bleiben Knuten des Establishments. Wir präsentieren deshalb mit freundlicher Genehmigung des Autors den Gesamttext in mehreren Teilen.

»Wohin weist es, dass unsere Cultur gegen die Aeusserungen des Schmerzes, gegen Thränen, Klagen, Vorwürfe, Gebärden der Wuth oder der Demüthigung, nicht nur geduldig ist, dass sie dieselben gut heisst und unter die edleren Unvermeidlichkeiten rechnet?«

Friedrich Nietzsche: Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile, Leipzig 1887, S. 152, § 157.

Will man Demütigung verstehen, so muss man zuallererst verstehen, wie sie funktioniert. Stark vereinfacht hat die Demütigung vier Elemente:

  1. Ein Individuum erhebt einen Anspruch auf Status.
  2. Der Statusanspruch wird öffentlich verweigert.
  3. Der Gedemütigte wird von jenen, die Status haben, ausgestoßen.
  4. Schließlich wird dem Gedemütigten sogar das Recht verweigert, überhaupt einen Anspruch auf Status zu erheben.

Wir müssen die Mechanismen dahinter nicht in Gänze behandeln. Nur so viel: Forscher, die sich mit den psychologischen Effekten der Demütigung befasst haben, machen sie an dem Bedürfnis eines menschlichen Wesens nach Status innerhalb einer Gesellschaft fest, insbesondere an dem Recht darauf, einen Status beanspruchen zu dürfen.

Es ist eine Sache, wenn man zurückgewiesen wird. Es ist eine völlig andere Sache, gesagt zu bekommen, dass man niemals das Recht haben wird, sich aus dem Loch, in das man hineingeworfen worden ist, hinauszuarbeiten. Die Verweigerung dieses Rechtes beschädigt Identität und Funktionsvermögen, führt zu Empfindungen von Hoffnungs- und Wertlosigkeit sowie zu erlernter Hilflosigkeit und kann perverserweise überhaupt erst zu Gewalt führen, indem der Gedemütigte, der keinen Ausweg sieht, sinnlos und mörderisch zuschlägt.

Demütigung ist ein mächtiges Werkzeug. »Bei Demütigung geht es eindeutig um Macht, allgemein gesagt: um Macht über andere.« Demütigung vermittelt dem Betroffenen: »Du bist weniger wert, als du von dir selbst denkst.« Demütigung kann dafür sorgen, dass er das glaubt. Die Dynamiken der Demütigung sind die wirksamsten Ausdrucksformen von Macht und Herrschaft, und sie gehören zu den zerstörerischsten. Wo normale Bestrafungen fehlschlagen oder nicht ausreichend wirksam sind, dienen Demütigung und Schande zur Abschreckung und Kontrolle.

Von der Beziehung zwischen zwei Individuen bis zu den Grenzregionen eines Imperiums ist Demütigung das Grundgerüst der Kontrollmechanismen in der Zivilisation. Die Ultima ratio ist die öffentliche Hinrichtung, eine Zurschaustellung der Demütigung des Körpers, die als Erwiderung des Souveräns auf die Infragestellung seiner Herrschaft durch das Verbrechen diente. Als sich die Gesellschaften entwickelten, wurde klar, dass Macht essenziell für die Aufrechterhaltung einer Gesellschaft war – und die Fähigkeit, jemanden festzuhalten und einzusperren, war von höchster Bedeutung für politische Legitimität. Daher rührte die Geburt des Gefängnisses, und die Strafen orientierten sich mehr und mehr auf dieses hin, weil die Spektakel der öffentlichen Hinrichtungen unerwünschte Folgen hatten: Öffentliche Demütigungen gehen nach hinten los, wenn das Volk die Macht des Souveräns nicht fürchtet oder respektiert.

Die zunehmende Inanspruchnahme des Gefängnisses führte zu zwei verschiedenen Strömungen im Verständnis davon: das Gefängnis zur Abschreckung und das Gefängnis zur Wiedereingliederung. Letztere Auffassung wurde vom Geist der christlichen Frömmigkeit befördert, insbesondere von Quäkern, deren Glaubenssätze so sehr auf einer direkten Beziehung zu Gott fußten, dass sie durch Bedingungen, unter denen die Gefängnisinsassen eine persönliche Offenbarung erleben könnten, deren Besserung herbeiführen wollten.

Das Problem des Verbrechens und seiner notwendigen Bestrafung trieb Länder wie England dazu, ihre Gefangenen zur Strafe auf die andere Seite der Erde zu schicken – aber was will man machen, wenn es keinen Platz mehr für all die Menschen gibt und eine Besserung meistens ausbleibt? Vor diesem Hintergrund schuf Jeremy Bentham, der Begründer des reflexiven Utilitarismus der liberalen Gesellschaft, die Auffassung vom Gefängnis als Panoptikum und der ununterbrochenen Überwachung als Bekehrung, Abschreckung und Bestrafung.

Das Panoptikum sollte ein Gefängnis sein, in dem aufgrund des Aufbaues der Gefängniswärter zu jeder Zeit alles sehen könnte, was die Gefangenen taten, ohne sich vom Fleck bewegen zu müssen. Im Prinzip so etwas wie eine Reality-TV-Sendung zur Bestrafung, auf Kosten der Privatsphäre und der Seelen der Gefängnisinsassen – unter dem Vorwand, für ihre Sicherheit und die der Allgemeinheit zu sorgen. Für Bentham, den Architekten der Moderne, war das längst nicht nur ein Gedankenexperiment. Er wollte es unbedingt umgesetzt sehen und hielt es aufgrund der logischen Effizienz für eine millionenschwere Geschäftsidee. Zeitzeugen berichteten, nach dem Scheitern seines Panoptikumkonzeptes sei Bentham sehr verbittert darüber gewesen, dass es nicht als die erhoffte Gelddruckmaschine gedient hatte.

Als guter Liberaler hatte er den Plan auch logisch bis zum Ende gedacht und glaubte, man könne Fabriken, Schulen und Krankenhäuser genauso organisieren. Während sein Vorhaben brachlag, beeinflusste der Grundgedanke nach und nach Gefängnisse in liberalen Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Vor der Jahrtausendwende war der getreueste Versuch, ein Panoptikum zu bauen, das unter dem kubanischen Liberalen Gerardo Machado erbaute Presidio Modelo. Sowohl Fidel als auch Raul Castro machten Erfahrungen mit dem Leben im Panoptikum, dessen Versorgung mit dem Nötigsten bereits vollständig zusammengebrochen war, und nach ihrer Machtübernahme betrieben sie es noch sechs Jahre lang weiter, ehe es endgültig geschlossen wurde.

Letzten Endes war das Panoptikum ein Experiment. Michel Foucault merkte an:

»Aber nicht nur als Garten, auch als Laboratorium kann das Panopticon dienen: als Maschine für Experimente, zur Veränderung des Verhaltens, zur Dressur und Korrektur von Individuen. Man kann Medikamente ausprobieren und ihre Wirkungen überprüfen; man kann an den Gefangenen verschiedene Bestrafungen versuchen, je nach ihrem Verbrechen und ihrem Charakter, und die wirksamsten heraussuchen; man kann den Arbeitern gleichzeitig verschiedene Techniken beibringen und feststellen, welche die beste ist; man kann pädagogische Experimente anstellen – und vor allem das berühmte Problem der Klausur-Erziehung wieder behandeln, wozu man Findelkinder verwendet […].«

Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 1977, S. 262.

Bentham hat sich gerächt. Heute ist die Gesellschaft mit all ihren einsamen und verwaisten Kindern zum Versuchsgefängnis geworden. Wie der Liberalismus seinem Wesen nach alle Grenzen und Mauern niederreißen muss, weil ihm die Freund-Feind-Unterscheidung fehlt, so muss er aus der Gesellschaft ein Panoptikum machen. Orwell als guter Engländer hatte das verinnerlicht, als er 1984 schrieb, einen Roman über einen Souverän, der überwacht und demütigt. Orwell stellte vieles richtig dar, aber wegen seiner eigenen blinden Flecken entging ihm auch vieles – angesichts des Schwerpunktes seines Buches war das aber vielleicht unvermeidlich. Seinem Werk fehlt die Erkenntnis, dass der Liberalismus die gleichen Impulse hat wie der totalitäre Überwachungsstaat, vor dem Orwell warnt, nur umgekehrt in ihrer Umsetzung.

Der Liberalismus braucht einen flexiblen Internationalismus, um seine schlimmsten Kosten auszulagern, doch wichtiger ist: Während im klassischen Totalitarismus die Demütigung manchmal im privaten Raum bleiben kann – die wollen ja nur, dass du vor ihnen das Knie beugt –, muss sie im Liberalismus öffentlich erfolgen. Das hat einen einfachen Grund. Da der Liberalismus leugnet, dass es Fremdgruppen gibt, muss er sich zwangsläufig gegen das Eigene wenden und den Feind im Innern suchen, um diejenigen aufzuspüren und auszurotten, die das große Ganze zu gefährden scheinen. Das ist das Paradoxon der Toleranz. Und um diese Feinde zu finden, muss man jederzeit wachsam und bereit sein.

Wenn der Liberalismus nicht zum versprochenen Frieden und Wohlstand führt, dann muss der Feind unter uns sein und überwacht werden. Was Václav Havel als »posttotalitäre« Ideologie bezeichnet hat – die Art und Weise, wie die Ideologie der sowjetischen Nomenklatura dadurch gestützt wurde, dass jeweils Einzelne ganz persönlich das System immer weiter fortsetzten –, wird im Liberalismus zur kulturellen Norm.

Derartige Überwachung ist in jeder komplexen Gesellschaft schon schlimm genug, aber wenn daraus ein technologisches System wird, erreicht sie extreme Ausmaße dessen, was Kaczynski als »Überanpassung«1 bezeichnet hat: eine hochgradige Empfänglichkeit gegenüber der liberalen Gesellschaftsmoral, auf die jeder Mensch konditioniert wird, und das Verlangen danach, jeden schwer zu bestrafen, der diese Regeln verletzt.

Ein solches System wirkt selbstverstärkend und im Sinne der Machthaber. Dass es unmöglich ist, alle Regeln einzuhalten, ist Absicht. Die unmöglichen Regeln zeigen sich etwa darin, wie lässig die New York Times über »Cancel culture« unter Jugendlichen berichtet und dabei ganz beiläufig von Kursen und Seminaren in »sozialer Gerechtigkeit« schreibt, so als ob diese völlig selbstverständlich wären. Vielleicht sollte man wirklich davon ausgehen – angesichts der Tatsache, dass Amerikaner ihre Kinder so bereitwillig zur Indoktrination übergeben, wie sie selbst in ihrer Jugend zur Bibelstunde gegangen sind. Wo sie damals etwas über eine höhere Erlösung hörten, werden ihre Kinder heute allerdings in eine niedere Verdammnis eingeführt.

In Schamgesellschaften wurde es als ausreichend angesehen, Sünder zu meiden, die den Verhaltenskodex verletzt hatten. Wir jedoch leben in performativen Zeiten, und diese verlangen nach einer Performance. Nach einem dionysischen Spektakel, in dem die modernen Bacchantinnen sich von Schuld reinwaschen, indem sie zum Wohlgefallen eines woken Gottes die Unreinen zerreißen und vernichten.

Im Panoptikum der liberalen Gesellschaft stehen jedem Einzelnen – in Ermangelung einer Möglichkeit, die Selbstverwirklichung2 in Anspruch zu nehmen – Folterwerkzeuge zur Verfügung, um jeden Aspekt des Lebens eines anderen aufzudecken und auf jeder Ebene darin einzugreifen; denn was der Folterer seinen Opfern klarmacht, ist, dass »im Umgang mit ihnen keine sozialen Normen mehr gelten, weil sie keine Menschen sind«.

Die Chance, jemanden zurechtzustutzen, öffentlich zu demütigen, seinen Anspruch auf Status wahrzunehmen und zu verweigern – und dabei gesehen zu werden: Das ist mehr als genug Lohn, selbst wenn es nur von Gnaden der Machthaber ist. Das ist die Art von Belohnung, mit der die meisten Häftlinge zufrieden sind.

(Originaltext: »The Feasts of Shame«; in: The American Sun vom 1. Januar 2020.)
(Autor: »Borzoi« alias »John Chapman«)
(Übersetzung: Nils Wegner)

Der erste Teil des Gesamttextes findet sich hier, der zweite hier.

  1. »Manche Menschen sind so stark angepasst, dass der Versuch, moralisch zu denken, zu fühlen und zu handeln, sie schwer belastet. Um Schuldgefühle zu vermeiden, müssen sie sich unentwegt über ihre eigenen Beweggründe hinwegtäuschen und für Empfindungen und Handlungen, die nicht moralischen Ursprunges sind, moralische Erklärungen finden. Zur Beschreibung solcher Menschen verwenden wir den Begriff ›überangepasst‹.« (Theodore John Kaczynski: »Industrial Society and Its Future (ISAIF)«; in: ders.: Technological Slavery, Bd. 1, 3., durchges. u. erw. Ausg., S. 21–106, hier S. 29.) [N. W.] ↩︎
  2. »Selbstverwirklichung« wird hier im Sinne Theodore Kaczynskis verwendet, der im englischen Original seines Manifestes »Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft« den Begriff Power process gleichermaßen für den Trieb zur und den Vorgang der freien Entfaltung des Einzelnen, wofür dieser zuerst Macht erlangen müsse, nutzte. [N. W.] ↩︎

2 Kommentare zu „Hochfeste der Scham (III): Liberale Zeiten“

  1. Ich finde solche Betrachtungen wichtig und gut. Danke dafür, dass Ihr Euch insgesamt so viele Gedanken macht.Ich möchte es trotzdem kritisch hinterfragen, in der Hoffnung, dass es mir zukünftig klarer werden wird.

    Diese pauschale Nutzung des Begriffs „Liberalismus“ scheint mir NICHT zielführend zu sein. Ihr, und da meine ich den fast den gesamten „neu-rechten“ Kosmos, denkt Euch sich hinter „Liberalismus“ etwas, was ich inhaltlich einfach nicht nachvollziehen kann. Ich habe eigentlich alle bei Euch und anderswo auffindbare Bücher zu dem Thema „Liberalismus“ gelesen und unzählige Male in Diskussionen nachgefragt. Konnte aber nirgendwo ableiten, welche genauen Aspekte des Liberalismus, die allgemein beklagten Effekte (z.B. Vereinzelung, Wachstumszwang) hervorrufen?
    Obwohl der Liberalismus bereits solange kritisiert wird, sind niemanden konkretere Zusammenhänge aufgefallen. Der als Guru geltende De Benoist hat ewig viel dazu veröffentlicht, aber, wie ich finde, nur oberflächliches „Blabla“.
    Mein starker Verdacht ist der, dass die eigentliche Ursache aller Probleme ganz woanders liegt und ihr Euch alle in der Bezeichnung „Liberalismus“ festgebissen habt, die uns nicht weiterbringt, die sogar jeglichen echten Fortschritt blockiert.
    Nur wenn wir konkret herausarbeiten könnten, was die Ursachen von Fehlentwicklungen sind, werden wir Maßnahmen oder Strukturveränderungen herausarbeiten können, die uns aus dem Abwärtsstrudel herausführen.Solange wir aber die Ursache unserer Probleme weiter mit sehr allgemeinen Begriffen, wie Liberalismus, zu kleistern, werden wir jegliche Verbesserungen dauerhaft aktiv verhindern, weil wir uns selbst vorgaukeln, dass wir bereits eine Ursache haben, die aber, weil sich keine Maßnahmen ableiten lassen, keine ist.
    Versteht das jemand?

    1. Kurz gesagt bedeutet Liberalismus jeder lebt wie er will und wo er will. Aufgabe des Staates ist dabei lediglich dafür zu sorgen, dass diese Freiheit für alle gleichzeitig bestehen kann. Es ist doch klar, dass das mit einer rechten Weltanschauung nicht zusammenpasst. De Benoist analysiert in der „Kulturrevolution von rechts“ völlig richtig, dass Liberalismus und Marxismus wesensverwandt sind. Allerdings irrt er darin, dass beide im Christentum ihren Ursprung haben. Der Marxismus ist die Radikalisierung des Liberalismus mit seiner Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ Ziel des Marxismus ist es, die Versprechen der Französischen Revolution einzulösen. Nicht umsonst wurden in sowjetischen Geschichtsbüchern die Bolschewiken als Nachfahren bzw. Vollender der Jakobiner geschildert. Die Französische Revolution ist jedoch erwiesenermaßen ein gegenchristliches Projekte gewesen. Die Ablehnung des Liberalismus ist meines Erachtens eine Konstante authentischen rechten Denkens, gab es also schon lange vor der Neuen Rechten. Zur Vertiefung der Liberalismuskritik kann ich Ihnen empfehlen, sich einmal näher mit den Denkern der Konservativen Revolution auseinanderzusetzen. Sie haben zum Teil klarer als heutige Rechte herausgestellt, dass Liberalismus und Marxismus gleichermaßen mit rechtem Gedankengut inkompatibel sind.

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