Anlässlich der Medienkampagne gegen Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, hat Nils Wegner vergangenen November in den sozialen Medien übersetzte Passagen eines Essays über Demütigung als politische Waffe verbreitet. Die jüngsten Fälle der jungen AfD-Politiker Kevin Dorow und Julia Gehrckens sowie der Generation Deutschland Nordrhein-Westfalen zeigen: Schuld und Scham bleiben Knuten des Establishments. Wir präsentieren deshalb mit freundlicher Genehmigung des Autors den Gesamttext in mehreren Teilen.
»Was wollten denn die Pilgerväter hier, als sie so wild entschlossen über das düstere Meer kamen? Na, sie kamen in düsterer Laune an. Mit einem düsteren Abscheu vor Europa, vor der alten Autorität Europas, vor den Königen, Bischöfen und Päpsten. Schlimmer noch. Wenn man es sich genau ansieht, schlimmer noch. Es waren düstere, herrische Männer, die wollten etwas anderes. Vielleicht keine Könige und Bischöfe. Vielleicht auch keinen Allmächtigen Gott. Aber auch nichts mehr von diesem neuen ›Humanismus‹, der aus der Renaissance entsprungen war. Nichts von dieser neuen Freizügigkeit, die in Europa so hübsch funktionieren sollte. Sondern etwas Härteres, das keineswegs leicht und locker war.«
D. H. Lawrence: »Der Geist des Ortes«; in: ders.: Der Untergang der Pequod. Studien zur klassischen amerikanischen Literatur, Wien u. Zürich 1992, S. 11–20, hier S. 16 f.
Harvard wurde gegründet, um puritanische Geistliche auszubilden, und es hat nie damit aufgehört. Demütigung ist tief verwurzelt in der amerikanischen Seele. Normalerweise denkt man nicht an Amerika, wenn es um kulturelle Minderwertigkeitsgefühle geht oder um den Selbsthass, in dem sich andere Völker, besonders die englischsprachigen, nur allzu gern suhlen.
Die Puritaner beherrschen die amerikanische Fantasie, und das sollten sie auch, denn man kann die amerikanische Seele nicht verstehen, ohne die Puritaner, mit die größten Reinheitsfanatiker der Geschichte, zu verstehen. Nie hat sich die Reinheitsspirale so hoch geschraubt und ist so tief gefallen wie in ihrer Geschichte.
Die Ursprünge der Puritaner in aller Kürze: Sie waren im 16. Jahrhundert und bis ins 17. Jahrhundert hinein die herausragendsten Turboprotestanten Englands. Sie strebten eine reine Kirche an, frei von dem – aus ihrer Sicht – verdorbenen Schnickschnack, den der Mensch der (römisch-katholischen) Kirche über die Jahrhunderte hinweg aufgenötigt hatte. Obwohl sie in England an Macht gewannen, gingen die Unzufriedensten von ihnen in die neuenglischen Kolonien und gründeten die erste Universität der Neuen Welt, Harvard, ausdrücklich zur Ausbildung zukünftiger Geistlicher.
Die Zurückgebliebenen forderten schlussendlich den Kopf von König Karl I. und das Commonwealth unter Cromwell. Das ging schief, und als die Monarchie wiederhergestellt wurde, hielten es die Capotains (allerdings ohne diese neckischen Schnallen, die sind nur ein Mythos!) für das Beste, nach Amerika zu verduften, um unangenehmen Nachfragen ihres neuen Königs Karl II. aus dem Weg zu gehen – dem Sohn des Mannes, den sie hingerichtet hatten. Dessen Bruder Jakob II./VII. wurde abgesetzt (wegen seiner Missetaten und seines Katholizismus), und die Glorious Revolution brachte das kommende Zeitalter des englischen Liberalismus in Gang. In England ging der Puritanismus zu Ende, doch Amerika sollte er noch für Jahrhunderte bestimmen.
Ihre arbeitsame Präsenz und ihre missverstandenen Lebensweisen in Amerika haben der amerikanischen Seele einen ewigen Spiegel vorgehalten. Ihr Name selbst ist zum Inbegriff für sexuelle Prüderie geworden. Das ist sehr ironisch, begründete doch eine von sechs puritanischen Frauen, die in Neuengland um eine Scheidung ansuchten, dieses Begehren mit mangelnder Manneskraft – und ihre Gerichtsverfahren rund um Sexualmoral waren voll von Anschuldigungen der Sodomie, des Ehebruches und der Homosexualität.
Je mehr der moderne amerikanische Mann glaubte, sich endlich vom puritanischen Anker der Nation befreit zu haben, desto klarer wurde, dass er darunter eingeklemmt war und in der Tiefe vor sich hinträumte.
Der Puritanismus verdammte die Marienverehrung, weil Maria dabei als Jungfrau verehrt wurde. Der Puritanismus beruhte auf der Erniedrigung und Demütigung des Ketzers. Der Puritanismus bedurfte der Gleichheit, um sicherzustellen, dass alle in ihrer Verderbtheit gleich wertlos vor Gott waren.
Der Puritanismus war in seiner Beschränkung auf die »sichtbaren Heiligen«1 performative Wokeness. Der Puritanismus war die ursprüngliche Cancel culture und forderte die Überwachung von allen durch alle. Entmenschlicht euch in Richtung Harvard.
Der Weg von damals nach heute ist kurz. Viel zu kurz. Denken wir an die Puritaner, dann sehen wir Bilder von barbarischen Strafen, sozialer Ausgrenzung und scharlachroten Buchstaben der öffentlichen Demütigung. Doch wie Louis Taylor Merrill feststellte, waren die Puritaner keineswegs einzigartig in den von ihnen verhängten Strafen. Das Besondere an ihnen war anscheinend das öffentliche Spektakel, das sie mit ihren zahllosen Prozessen, Anschuldigungen und Zeugenaussagen daraus machten.
Das nahm derart überhand, dass im Verlauf eines einzigen Prozesses oft gleich mehrmals der Spieß umgedreht wurde, weil jeder jeden der Missetat bezichtigte – und weil die totale Verderbtheit des Menschen ja feststand, wurde wegen jeder Beschuldigung Anklage erhoben. Jeder stellte sich in den Dienst der Demütigung. Jeder bespitzelte und verriet jeden anderen, um eine noch größere Einheit mit der Gemeinde und mit Gott herzustellen. Die treffendste Verkörperung des Puritaners war der Polizist.
Im Jahr 1945, dem endgültigen Jahr null des amerikanischen Bewusstseins, schrieb Merrill unheilvoll:
»Zwar vermochte diese strafende Wachsamkeit es in Neuengland vor 300 Jahren, eine höhere Zahl von Sündern der Gerechtigkeit zuzuführen, doch es gibt auch vielsagende Hinweise auf eine weitaus weniger erfreuliche Wirkung auf die Gemüter dieser Menschen, die dazu ermutigt wurden, ihre Nachbarn und sogar ihre eigenen Angehörigen auszuspähen. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie jemand denken muss, der einen Verwandten vor den Richter bringt, weil er im Familienkreis zweiflerische Bemerkungen gemacht hat, und sich dabei völlig im Klaren darüber ist, dass dem Angeklagten dafür womöglich die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrt werden wird.«
Louis Taylor Merrill: „The Puritan Policeman“; in: American Sociological Review 6/1945, S. 766–776, hier S. .
Alle Untersuchungen des puritanischen Bestrafungswesens fokussieren die Instrumente der Erniedrigung und Folter, etwa den Schandkorb, Spektakel für die Vorstellungskraft der kommenden Jahrhunderte. Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Schandkorb im puritanischen Neuengland jemals zum Einsatz gekommen ist, ähnlich wie die mittelalterlichen Folterwerkzeuge, die es nie gegeben hat.
Der Amerikaner erfreut sich an derartigen Fantasien, nicht länger ein clowneskes Monster zu sein. Er plustert sich auf vor Stolz, weil er auf eine lächerliche Karikatur zeigen kann und sich völlig sicher ist, auf keinen Fall derart unkultiviert und zurückgeblieben zu sein. Die Tücke der Wahrheit ist, dass ganz am Ende dieses Gruselkabinetts der größte Schrecken von allen wartet: der Planspiegel der amerikanischen Seele, in die kein Licht hineinscheint.
Zu wissen, dass man auf ewig ein Puritaner bleiben wird, ist die Demütigung der amerikanischen Seele. Dazu muss man sagen, dass Demütigung im puritanischen Kontext eine spezielle Bedeutung hat. Demütigung ist hier prozesshafte Demut. Alle, die zum Puritanismus konvertierten, mussten diesen Prozess durchmachen.
Man musste seine eigene Verderbtheit begreifen. Man musste begreifen, dass man sich durch nichts, was man tat, vom Schandfleck der Sünde freimachen oder Vergebung erlangen konnte, begreifen, dass Erlösung allein in Gottes Gnade lag und der Weg dorthin durch Christus führte, bevor man auch nur darauf hoffen durfte, sich zu erholen.
Dieser Prozess erzeugte ein religiöses Trauma, und das sollte er auch. Aus der Sicht des Puritanismus hatte die katholische Kirche die Menschheit zu Sklaven der Vorstellung gemacht, dass man sich durch den Ablasshandel freikaufen und die Erlösung durch Mitgliedschaft und Alibidienste erlangen könne. Gedemütigt und gebrochen zu werden sollte deshalb dabei helfen, das eigene Herz der Selbstprüfung und Besserung zu öffnen – man sollte so furchtbar verletzt werden, dass man endlich einsah, Heilung einzig durch Gott und Seine Gnade erlangen zu können.
Manch einer wird sich an dieser Stelle bereits mit Schaudern die Frage gestellt haben: »Und wohin führt diese Demütigung, wenn Gott erst einmal tot ist und wir Ihn begraben haben?«
So gut wie jeder versteht die Puritaner falsch. Demütigung war eine Angelegenheit Gottes, und die öffentlichen Erniedrigungen und Bestrafungen waren nichts anderes als die damalige Normalität. Streng, aber heilsam. Manche Missetaten bedurften eben einer dauerhaften Richtigstellung. Das Besondere an den Puritanern war die Notwendigkeit des öffentlichen Geständnisses vor aller Augen. Den Blick von den Sünden des anderen abzuwenden, Geheimnisse und Geständnisse sicher zu bewahren, solange der andere nur bereute und nicht wieder sündigte, war keine Nächstenliebe, sondern selbst eine Sünde.
Erniedrige dich vor Gott und gestehe! Das Geständnis war der Schlüssel zu dieser Demütigung, und dazu war ihnen jedes Mittel recht – doch wenn es kein Geständnis und keinen Zeugen gab, wurde der Beschuldigte freigelassen. »Das Geständnis bahnte stets den Weg zur Versöhnung und Wiederherstellung.« So kam es, dass John Buxton Marsden, der englische Historiker der Puritaner, schrieb, einzig die Puritaner hätten Karl I., dem schlussendlich hingerichteten Zweitplatzierten im Englischen Bürgerkrieg, die Bedingungen des gescheiterten Vertrages von Newport abverlangen können. In seiner History of the Later Puritans heißt es:
»Der Vertrag bestand aus drei Paragrafen. Der erste verpflichtete den König dazu, all seine Erklärungen gegen das Parlament zurückzunehmen, zu gestehen, dass ›die beiden Kammern dazu gezwungen waren, zu ihrer eigenen gerechten und rechtmäßigen Verteidigung in einen Krieg einzutreten‹, und dass das englische Königreich in einen feierlichen Bund und Pakt getreten sei, um ebendies zu ahnden. Natürlich war der König unwillig, die Wahrheit dieser Thesen einzugestehen; sie hätten ihm gar nicht erst abverlangt werden sollen. Er bot bereitwillig eine Amnestie für die vergangenen Taten an, und das hätte ausreichen sollen. Tatsächlich wäre dies die einzige Möglichkeit gewesen, die Wunden der Nation zu heilen. Vom König letztlich die Bestätigung zu erwarten, dass er ein Tyrann gewesen sei, war eine Beleidigung und eine Demütigung, von der sich kein Souverän erholen konnte. […] Auf diesen Thesen zu beharren war ein unnötiger Akt der Grausamkeit, ein Triumph über einen am Boden liegenden König, und weniger glaubensstarke Männer als die Puritaner – hätten sich dessen geschämt. [Hervorhebung durch B.]«
John Buxton Marsden: The History of the Later Puritans. From the Opening of the Civil War in 1642 to the Ejection of the Non-conforming Clergy in 1662, London 1854, S. 278.
Das Scheitern des Vertrages – zusammen mit all dem Geschrei im Land – führte schließlich dazu, dass Karl I. auf dem Richtblock die große Silbermedaille verliehen bekam. Dazu muss natürlich angemerkt werden, dass bei seiner Hinrichtung der Richtblock so platziert wurde, dass Karl nicht einfach nur niederknien, sondern sich hinlegen musste – eine absichtliche Demütigung des Königs.
Der Sinn einer öffentlichen Hinrichtung liegt immerhin darin, die politischen Muskeln spielen zu lassen, und für die, die sich selbst für die Niedrigsten vor Gott hielten, muss sich dieses Haschen nach der Macht und das noch tiefere Erniedrigen ihre politischen Gegner tatsächlich rechtschaffen angefühlt haben. Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen, aber hütet euch vor ihren politischen Ambitionen.
Die folgenden elf Jahre lang war England eine Republik unter puritanischer Herrschaft. Es war das reinste Irrenhaus mit der Wiederzulassung der Ansiedlung von Juden in England nach einem 350-jährigen Bann, dem Versuch der Machtübernahme durch eine Endzeitsekte, die sich selbst als Sanhedrin ansah und die Wiederkehr Christi herbeiführen wollte, sowie der Aufteilung des Landes in Militärbezirke. Von den Iren ganz zu schweigen.
Das Experiment wurde abgebrochen. Die Monarchie wurde wiederhergestellt. Die große Ironie der Geschichte ist, dass nicht einmal 30 Jahre nach dem Abgang der Puritaner ihre Arbeit endlich Früchte tragen sollte. Die Glorious Revolution stürzte den letzten katholischen Monarchen und brachte die Bill of Rights von 1689 mit sich.
An dieser fällt auf, dass sie die »grausame und ungewöhnliche Bestrafung« (cruel and unusual punishment) verbietet; hier wird diese Formulierung zum ersten Mal in der englischen Sprache gebraucht. Sie ist von Anfang an nie genau definiert worden, und ihre Bedeutung ist Rechtswissenschaftlern und Historikern bis heute ein Rätsel geblieben. Geht es um die Barbarei der Bestrafung? Um Verhältnismäßigkeit gegenüber dem Verbrechen? Um beides?2
Übertriebene Bußgelder und Geldstrafen könnten ein Anlass gewesen sein, und wenn das der Fall sein sollte, dann hat Amerika diesen Gedanken längst aufgegeben, denn hier werden der Ketzerei wider den Liberalismus Verdächtige an einen ausgelagerten Pranger der Zivilprozesse gestellt, um sie zu ruinieren und ein Geständnis unter den erniedrigenden Blicken der Öffentlichkeit zu erzwingen.
1689 war ein sehr gutes Jahr für alle Engländer, die ihre Würde zurückerlangen wollten. Drei Jahre später begannen im puritanischen Amerika die Hexenprozesse von Salem. Zu ihnen gibt es gar nicht viel zu sagen. Wo etwas passiert, sind schnell die Opportunisten, die Krämer und die Ränkeschmiede dieser Welt zur Stelle, um ein wenig Aufmerksamkeit zu suchen, das schnelle Geld zu machen oder den Mord an 25 Christen aus einer Massenpsychose heraus zum Völkermord aufzublasen.
Was in der traumatischen Hysterie der amerikanischen Wildnis diese Leben zerstörte, waren Angst und Hass im Grenzbereich der Neuen Welt, die beunruhigende Nähe einer roten Sturmflut an Eingeborenen, die jeden Moment losbrechen konnte (der erschreckend brutale King Philip’s War war erst 14 Jahre zuvor zu Ende gegangen), und niederträchtige Gier nach Land in einer zerfallenden Gemeinschaft. Reverend Parris, innerhalb von nicht einmal zwei Jahrzehnten schon der vierte Prediger der zerstrittenen und zänkischen Gemeinde des Dorfes Salem, konnte mit seiner Methode, Streitigkeiten durch öffentliche Erziehungsmaßnahmen beizulegen, die wachsenden Spannungen nicht einhegen und setzte so das Unheil in Gang.
In den Prozessen wurden Verhörfragen geschrien, Geständnisse erzwungen und Körper nach Hexenmalen abgesucht. Kannten sie sich damit in der puritanischen Kolonie nicht ohnehin am besten aus? Jeder war schuldig, und ein Geständnis war gut für die Seele. Warum hätte es anders kommen sollen? Menschen werden für das »Okay«-Handzeichen gefeuert wie vorlaute Puritaner. Der Abstand zwischen damals und heute fällt in sich zusammen.
Die Schmach war so groß, dass Nathaniel Hawthorne – Ururenkel des Richters Hathorne, der den Hexenprozessen von Salem mit ihren Demütigungen vorgestanden hatte – sogar seinen Namen änderte, um sich von seinem Ahn abzugrenzen, doch er wurde in jedem geschriebenen Wort von ihm heimgesucht. Sein Der scharlachrote Buchstabe (ein Titel, bei dem Oberstufenschüler heutzutage aufstöhnen) als der erste tatsächlich und genuin amerikanische Roman musste dementsprechend ein Roman über öffentliche Demütigung sein. D. H. Lawrence hat ihn »eine der größten Allegorien der gesamten Literatur«3 genannt.
Trotz des Abstandes, den er aufgebaut hatte, blieb Hawthorne seinem Puritanismus gegenüber unschlüssig. Er konnte ihn nicht annehmen, aber er wollte sich auch nicht dazu zwingen, ihn zu hassen – wie Faulkners Quentin Compson aus dem gedemütigten Süden4. Er steckte in seinen amerikanischen Knochen.
Wie kann jemand sich selbst und das, was er ist, wirklich hassen, solange er nicht selbst gedemütigt worden ist? Kein Mann kann sich selbst hassen, ohne endgültig aufgegeben zu haben. Selbsthass ist das ärmliche Lehen gebrochener Könige und Königinnen.
Es ist seltsam, dass Der scharlachrote Buchstabe gerade im Frühjahr 1850 erschien, als Hawthorne Herman Melville begegnete; der veröffentlichte kurz darauf den größten amerikanischen Roman darüber, was Amerika einst war und welche Geister zurückgeblieben waren, um die verwaisten Kinder dieses Leichnams heimzusuchen.
Moby-Dick beschreibt ebenso biblisch wie poetisch das tragische Ende Amerikas als Schiff voller farbiger Wilder, das gesteuert von wahnsinnigen messianischen Quäkern auf eine zum Scheitern verurteilte Fahrt geht, um Rache zu nehmen und das weiße Gespenst zu zerstören, das für »unser tiefstes Blut-Wesen«5 steht. Melville spürte den tragischen und demütigenden Charakter, der unter der Oberfläche Amerikas lag und der allem blühte, das von ihm erobert wurde, vor allem aber seinem aufsässigen Bruder im Süden, wo Amerikas einzige Aristokratie zugunsten der Gleichheit des erzwungenen Geständnisses vernichtet werden würde.
Mit dieser Empfindsamkeit für den wahren Charakter suchte und fand Melville einen calvinistischen Bruder in Hawthorne mit seiner Düsternis und seinem puritanisch angehauchten Schwermut. Auch Moby-Dick, dieser große amerikanische Roman, ist eine Geschichte der Demütigung, göttlich in die Länge gezogen wie eine verdrehte heilige Schrift, während Ahab eine Miniaturversion der ganzen Welt auf einen verlorenen Kreuzzug führt. Nicht etwa der erlittenen Verletzung wegen – sondern weil der Wal ihr Zeuge geworden ist.
Wir sind noch nicht fertig mit Harvard. O Harvard, Harvard, Harvard. Deine Studenten, deine schiffbrüchigen Überlebenden der »Pequod«, haben dich durchschaut. Du magst deine puritanische Vergangenheit vergessen haben, magst gedacht haben, du seiest zum idyllischen Reich der reinen Forschung geworden, aber die Mannschaft Ahabs weiß, was du bist, und sie werden dich aufs Neue als Galionsfigur an den Bug ihres Schiffswracks binden, wenn sie die Jagd auf den weißen Wal fortsetzen.
Und das ist deine Demütigung. Und das ist das Rad, auf das du geflochten wirst. Mögen deine Augen Gott finden, wenn sie sich nach oben verdrehen. Und mögest du um Vergebung bitten für die perversen und sündhaften Experimente, die du einem Amerika angetan hast, das dir wegen seiner Reinheit verhasst war. Ganz so wie Claggart, der ausgerechnet in deiner Bibliothek begraben liegt6 als finstere Mahnung deiner »natürlichen Verderbtheit« und widerwärtigen Herrschaft über die amerikanische Seele.
„Jetzt sollt ihr mir nur noch eines sagen. Warum hasst ihr Amerika?“ „Wir hassen es nicht“, sagten wir rasch, sofort, unmittelbar; „wir hassen es nicht“, sagten wir. Wir hassen es nicht, dachten wir, in der kalten Luft, der eiseskalten Nacht von New England keuchend: Nein. Nein! Wir hassen es nicht! Wir hassen es nicht!7
(Originaltext: »The Feasts of Shame«; in: The American Sun vom 1. Januar 2020.)
(Autor: »Borzoi« alias »John Chapman«)
(Übersetzung: Nils Wegner)
Der erste Teil des Gesamttextes findet sich hier, der zweite hier, der dritte hier.
- Nach puritanischem Glauben ist nur ein Teil der Menschen von Gott erwählt, um in der Endzeit gerettet zu werden. Diese Auserwählten sollen an ihrem besonders tugendhaften Lebenswandel erkennbar sein, und idealerweise sollten puritanische Gemeinden ausschließlich aus derart »sichtbaren Heiligen« bestehen, die öffentlich von ihrem persönlichen Bekehrungserlebnis zu berichten wussten. [N. W.] ↩︎
- Tatsächlich sorgt dieser Passus, der durch den VIII. Zusatzartikel von 1791 auch Eingang in die US-Verfassung gefunden hat, bis heute für rege Debatten über die Todesstrafe in Amerika sowie die Suche nach der »humansten« Hinrichtungsmethode, die vom Hängen und Erschießen über den Elektrischen Stuhl, die Gaskammer und die Giftspritze mittlerweile full circle wieder zum Erschießen zurückgeführt hat. [N. W.] ↩︎
- D. H. Lawrence: »Nathaniel Hawthorne und ›The Scarlet Letter‹«; in: ders.: Der Untergang der Pequod. Studien zur klassischen amerikanischen Literatur, Wien u. Zürich 1992, S. 127–149, hier S. 148. ↩︎
- Quentin Compson ist die Hauptfigur in William Faulkners Roman Schall und Wahn von 1929 und der wesentliche Erzähler im Folgeroman Absalom, Absalom! von 1936, welcher als beste Erzählung über die Südstaaten der USA aller Zeiten gilt. Quentin ist einerseits von der Tradition und Ehre seiner Familie besessen, aber fühlt sich andererseits zu seiner Schwester sexuell hingezogen und hat das Geld seines geistig behinderten Bruders veruntreut, um im Norden studieren zu können. Nach einem Jahr in Harvard (!) nimmt er sich mit 19 Jahren das Leben. [N. W.] ↩︎
- D. H. Lawrence: »Herman Melvilles ›Moby-Dick‹«; in: ders.: Der Untergang der Pequod. Studien zur klassischen amerikanischen Literatur, Wien u. Zürich 1992, S. 203–223, hier S. 222. ↩︎
- John Claggart ist eine Figur in Herman Melvilles letztem, unvollendet gebliebenen Werk Billy Budd von 1891 (erstmals ediert und veröffentlicht 1924). Als Verkörperung des Bösen versucht er aus Neid, den übermenschlich guten Protagonisten Budd in eine Intrige zu verwickeln, wird aber von diesem versehentlich erschlagen, woraufhin Billy Budd wiederum standrechtlich abgeurteilt und hingerichtet wird. Das Originalmanuskript wird zusammen mit zahlreichen weiteren Dokumenten aus dem Nachlass Melvilles seit 1930 in Harvard verwahrt; es ist hier digital einsehbar. [N. W.] ↩︎
- Abwandlung der Schlussszene in Absalom, Absalom! (vgl. Anm. 3), hier nach Vorlage der deutschsprachigen Neuübersetzung (Reinbek bei Hamburg 2015). [N. W.] ↩︎