Eine Replik zum Amerikanismus

Zu meiner Überraschung sind in den Monaten seit dem Erscheinen meines Fundamente-Bandes Amerikanismus. Die Ideologie der westlichen Moderne von mittig-rechter bzw. liberalkonservativer Seite bislang nur neutrale bis positive Rückmeldungen eingegangen. Selbst Journalisten westlich orientierter Medien fanden – unter vier Augen – lobende Worte. Umso überraschender ist eine eher oberflächliche, jedoch abwertende Kritik von rechts.

In der Rubrik »Feder & Schwert« der nationalrevolutionären Partei Der III. Weg wird auf etwa einer Seite der Vorwurf ausgeführt, dass es sich um ein »Pamphlet« handele. Da dieser Vorwurf aber nicht wirklich substanziell ist und man zusätzlich behauptet, dass ich lediglich eine »Suada« gegen meinen angeblichen »Herzensgegner« verfasst hätte – ich also nur die böswillige Absicht verfolgte, mit rhetorischen Tricks die Leser gegen die USA aufzubringen (was man mir interessanterweise nicht einmal in der prowestlichen, liberalkonservativen Jungen Freiheit vorgeworfen hat, die den rein politologischen Gehalt des Buches durchaus zu würdigen wusste) –, ziehe ich es vor, ausnahmsweise zu antworten. Dies auch deshalb, weil erneut eine inkohärente prowestliche Haltung in der europäischen Rechten ihr Unwesen treibt.

Replik

Der Rezensent ist, das wird schnell deutlich, kein Freund amerikakritischer Literatur – zumindest nicht in ideengeschichtlicher Hinsicht. Die entscheidenden Kritikpunkte belaufen sich entweder auf Stilistisches oder Verweise auf ökonomisch-politische Aspekte, die für den Gegenstand aber eigentlich keine Relevanz haben. Dort, wo es ideologiekritisch wird, werden diese Dinge dann unpassend vermengt. So heißt es:

Dass der ausgreifende Imperialismus der USA bereits im 19. Jahrhundert sich Bahn brach und sich eben nicht erst »dialektisch im Gegensatz zum Kommunismus« entwickelt hat, wird von Neumann geflissentlich ignoriert. Die USA haben bereits 1853 unter Androhung von Gewalt die Öffnung Japans für den amerikanischen Handel erzwingen wollen und diese 1854 vertraglich fixiert. Im spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 wurden die USA als Gewinner Eigentümer der ehemaligen spanischen Kolonien Puerto Rico, Philippinen und Guam.

Das ist kein Einspruch, sondern eher eine Bestätigung der kritisierten These (nämlich einer gewissen Wesensverwandtschaft dieser zwei aufklärerischen Imperialismen). Zudem geht es im zitierten Abschnitt um den linksliberalen Globalismus des amerikanisch diktierten Westens der Gegenwart, der sich eben im Kulturkrieg des 20. Jahrhunderts am Sowjetmarxismus aufbäumte. Eine ungenaue Wiedergabe meiner Thesen zieht sich allerdings durch die gesamte Kritik:

Die USA werden bei Neumann ausschließlich als Hort des »Multikulturalismus« und der »rassischen Egalität« beschrieben […].

Nein, werden sie nicht. Bereits im ersten Kapitel wird aufgezeigt, dass es im Fall der britischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent einen Dualismus aufklärerisch-liberalen Gedankengutes und ethnozentrischer Haltung gab, gerade gegenüber Indioamerikanern und schwarzafrikanischen Sklaven. Ersteres wurde von den bürgerlich-intellektuellen Eliten kultiviert, deren aufklärerische Menschheitsfantasterei typisch für den Anbruch der Moderne war, in dem sie wirkten. Zweitere entsprach einem natürlichen Instinkt, und die Gleichzeitigkeit dieser Haltungen führte zu einer psychologisch-kulturellen Spannung, welche die Grundlage der amerikanistischen Ideologie wurde. Diese Spannung zwischen der mit der Unabhängigkeitserklärung ins Leben gesetzten liberalen Republik und den sozialen sowie rassischen Realitäten führte über verschiedene Strömungen (eine religiöse: Puritaner, Abolitionisten, Ökumenische Bewegung; eine säkulare: Ethische Bewegung, Young Intellectuals, die CIA im Kalten Krieg) zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem reflektierten amerikanischen Liberalismus: dem Amerikanismus. Diese relativ klare Darstellung scheint dem Rezensenten allerdings entgangen zu sein. So meint dieser:

Neben der Erwähnung durchaus interessanter Nebensächlichkeiten will es dem Verfasser nicht gelingen, eine schlüssige Gedankenkette zu formulieren und auf einen nachvollziehbaren Punkt zu kommen.

Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung, da bereits eingangs die ideologischen Grundlagen der amerikanischen Zivilisation und der amerikanistischen Kulturideologie in drei Punkten zusammengefasst und in Kapitel IV noch einmal rekapituliert werden. Diese zitiert der Rezensent sogar selbst:

Neumann fasst seine Sicht der Dinge zusammen, indem er alle seine Feindbilder in eine einzige Front einzuordnen versucht: »Die Geschichte des Amerikanismus beschreibt den Ausbruch des ontologischen Liberalismus aus dem Kokon seiner ethnischen Trägergruppe zur Erfüllung frühneuzeitlich-aufklärerischer Menschheitsutopien, getragen von einer spezifisch protestantisch-puritanischen Moralstruktur und reformjüdischen Ethik« (S. 115).

Das entspricht größtenteils der Historisierung von Eric P. Kaufmann, die im Hinblick auf den Niedergang des weißen Amerika gewissermaßen ein Standardwerk ist (er hält indes den reformjüdischen Anteil für weniger relevant). Um »Feindbilder« handelt es sich dabei nicht. Ironischerweise bietet der Rezensent anhand weiterer Zitate selbst eine Kurzübersicht:

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, denen eine kurze Einleitung vorangestellt ist. Schon in der Einleitung wird der Inhalt knapp umrissen. Amerikanismus sei »Globalismus«, der sich »dialektisch im Gegensatz zum Kommunismus« (S. 11) entwickelt habe. Schuld trage die »›Europaflucht‹ der Puritaner und anderer Minderheiten, die das revolutionäre Gedankengut der Aufklärung […] auf den nordamerikanischen Kontinent verpflanzten« (S. 9). Die Frucht aus dieser »Europaflucht« seien »kommerzialisierte Popkultur, programmatische Sittenlockerung« und ein sogenannter »staatsbürgerlicher Ethnonihilismus«, (S. 11) die den tradierten Kulturbestand Europas verdrängen.

Das ist gewiss eine polemisch motivierte Zitatwahl, welche die entscheidenden Argumente drastisch verkürzt, aber durchaus repräsentativ. Auffallend ist allerdings, dass all diese Stellen aus dem Vorwort stammen und der folgende Rezensionstext spärlich mit Zitaten arbeitet. Entsprechend besteht die dargebotene »kritische Analyse« hauptsächlich aus dem Vorwurf, dieses einführende Bändchen zum Ideologiephänomen des Amerikanismus liefere keine umfassende Darstellung der gesamten amerikanischen Geschichte. Dass es das nicht leisten kann und auch gar nicht soll (aus dem Vorwort, S. 12: »Aus diesem Grund ist es für jeden Europäer unabdingbar, ein rudimentäres Verständnis dessen zu haben, was als atlantische ›Verbrüderung‹ ihn zu umgarnen und schlussendlich zu neutralisieren gedenkt.«), wird offenkundig ignoriert.

Freilich gäbe es noch weitaus mehr Aspekte, die historisch zu berücksichtigen wären, um das Phänomen in jedem Detail darzustellen. Wer sich insbesondere für den Konflikt zwischen dieser Ideologie und dem ethnischen Selbsterhalt der Angloamerikaner interessiert, dem sei The Rise and Fall of Anglo-America (2004) von Kaufmann empfohlen, wahlweise auch dessen neueres Whiteshift (2018). Der Rezensent jedenfalls scheint überzeugt zu sein, dass die historisch-materielle Darstellung viel zu kurz komme:

Es gab allerdings auch in den USA gewichtige Stimmen gegen diese Entwicklungen, die noch bis zum Zweiten Weltkrieg und teilweise auch darüber hinaus versucht haben, das europäische Erbe der USA zu bewahren, die Macht des Finanzkapitals zu brechen oder die als Vertreter einer auf die Erkenntisse [sic!] anthropologischer Forschung basierenden Biopolitik im klaren Gegensatz zu den sogenannten »Sozialanthropologen« und Rassenleugnern der Schule Franz Boas´ standen. Namen wie Madison Grant oder Lothrop Stoddard, die ganz gewiss keine Apologeten »rassischer Egalität« waren, werden von Neumann ebenso verschwiegen wie die Kämpfer gegen die Hochfinanz Henry Ford und Charles Lindbergh sowie sein Sohn, der Fliegerheld Charles Lindbergh junior.

An dieser Stelle muss sich der Rezensent dann doch die Frage gefallen lassen, ob er das Büchlein wirklich gelesen oder bestenfalls überflogen hat (und das bei lediglich 118 Seiten). Denn Ford, Grant und Stoddard werden – neben anderen Historikern und Rassenanthropologen – explizit erwähnt. Auch der Konflikt zwischen einer abstammungsstolzen WASP-Elite, die sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse des späten 19. Jahrhunderts berief, um eine angloeuropäische Bevölkerungshegemonie zu behaupten, und einer progressiven Avantgardeelite an den Universitäten, die bereits einen kosmopolitischen Amerikanismus vertrat, wird behandelt, in Kapitel III. Dieser Konflikt prägte in den 1920ern die kritische Literatur der Lost Generation und wurde mit dem »New Deal« der Roosevelt-Regierung de facto im Sinne der Letzteren entschieden – in diesem Jahrzehnt sieht Eric Kaufmann im Übrigen auch das Ende der ethnozentrischen WASP-Elite besiegelt, auch wenn sich das Schwinden ihrer Hegemonie erst in den 1960er-Jahren wirklich Bahn brach.

Wer hingegen den Sieg der finanzkapitalistischen Mächte in den USA studieren will, dem sei The Money Kings (2023) von Daniel Schulman (im Quellenverzeichnis zu finden) oder Supermob (2006) von Gus Russo empfohlen. Dass Aspekte wie Lindbergh sen. und die Federal Reserve in meinem Buch nicht ausgeführt werden, ist nicht zuletzt dem begrenzten Umfang geschuldet; vor allem aber ist es nebensächlich für die behandelte Thematik. Denn der Amerikanismus als kulturideologische Ausformulierung der liberalen Staatsideologie hatte bereits in den elitären Sphären Wurzeln geschlagen und war spätestens zu Beginn des Kalten Krieges institutionalisiert.

Soll heißen: Die verschiedenen Gegenspieler der amerikanischen Finanzelite, des sich aufbäumenden imperialen Managerial state und der linksliberalen Ideengeber der oberen Mittelschicht waren historisch unterlegen – nicht zuletzt deshalb, weil sie keine ebenso adäquate Kulturideologie für den amerikanischen Zivilisationsstaat entwickeln und politisch wirkmächtig gestalten konnten, wie sie der Amerikanismus bereitstellte, obwohl eine euroamerikanische Nationsidee Potenzial gehabt hätte. Das ist die Tragödie der Amerikaner: dass ihr Volkstum in keiner Ethnogenese reifen konnte, sondern diese von einem imperialen Projekt mit liberalistisch-egalitärer Ideologie überbrückt wurde. Diesen entscheidenden Punkt scheint der Rezensent nicht zu begreifen:

Dass bereits schon [sic!] 1819 der »Volkspräsident« Andrew Jackson erfolgreich einen »Bank War« gegen die Rothschildsche Finanzelite führte und erwirkte, dass das Recht zur Papiergeldemittierung bis 1913 vorerst in der Hand des Staates blieb, erfährt man aus dem Buch von Neumann, das den »Amerikanismus« als einen ideologisch monolithischen Block beschreibt, der sich von den Gründervätern bis zur Gegenwart als roter Faden durch die Geschichte zöge, auch nicht.

Diesen roten Faden als ideen- sowie kulturgeschichtliche Genealogie gibt es zweifellos – der »amerikanische Exzeptionalismus« wird sicherlich auch vom deutschen Nationalrevolutionär des Jahres 2025 nicht geleugnet (ein anderes empfehlenswertes Werk über dieses spezifische Thema: Dangerous Nation. America’s Place in the World From Its Earliest Days to the Dawn of the 20th Century von Robert Kagan). Das Kulminieren dieser aufklärerisch-liberalistischen sowie puritanisch-religiösen Ideenwelt in einer modernistisch-kosmopolitischen Zivilisationsidee war genau das, was der Amerikanismus und die ihn prägenden Denker wie James, Kallen, Adams, Bourne, Dewey usw. um die Jahrhundertwende leisteten. Auch ein US-Präsident Jackson ändert hier nichts an späteren Präsidenten wie Theodore »Teddy« Roosevelt, die den Amerikanismus als bereits multikulturell-demokratisches Selbstverständnis internalisiert hatten und antieuropäische, insbesondere antideutsche Standpunkte daran knüpften.

Den Amerikanismus kennzeichnet das einmalige Phänomen, dass sein Siegeszug in der Realisierung einer multiethnischen liberalen Demokratie mit dem Untergang Angloamerikas, d. h. der Ursprungsnation, einherging – und dass sich auch ethnisch angloamerikanische Eliten maßgeblich daran beteiligten. Die reflexive Bekämpfung der Eigengruppe (In-group) als Bedingung eines aufklärerischen Fortschrittes ist die zentrale Figur amerikanistischer Überlegungen gewesen und hat maßgeblich zu den pathologischen Entwicklungen des westlichen Liberalismus beigetragen. Dies ist das faktische Vermächtnis des Amerikanismus. Das allerdings scheint dem Rezensenten zu missfallen:

Die positiven Stimmen des Amerikanismus bleiben unerwähnt. Stimmen, die von Neumann in seinem einseitig antiamerikanischen Pamphlet aus offensichtlich ideologischen Gründen ignoriert werden.

Hätte ich ein antiamerikanisches Hetzwerk produzieren wollen, wäre dies weit über den Amerikanismus hinausgegangen – unabhängig davon wirkt der Vorwurf des Antiamerikanismus aus der Feder eines deutschen Nationalrevolutionärs eher befremdlich. Abgesehen von der völlig unseriösen Zuschreibung »Pamphlet« stellt sich die Frage, wer diese »positiven Stimmen des Amerikanismus« – gerade aus einer nationalrevolutionären Perspektive! – denn sein sollen, wenn man vom tatsächlichen Amerikanismus als modernistischer Kulturideologie ausgeht und nicht einfach nur von Amerika als angloprotestantischem Bevölkerungskonglomerat. Dass es mit dem Aufstieg des Massenstaates und multikultureller Metropolen zu Identitätskonflikten kam, lasse ich keinesfalls unerwähnt (»Der Deutungskampf um den Begriff sowohl des Liberalismus als auch dessen, was ›amerikanisch‹ bedeute, tobte in den elitären Zirkeln Amerikas.«, S. 75); bei den zahlen- und einflussmäßig schwachen anglozentrischen Gruppen allerdings von »positiven Stimmen« zu sprechen, wäre wohl etwas vermessen.

Sollen es etwa der Ku-Klux-Klan, die »Black Legion« oder die »Silver Shirts« sein, die den Begriff »Amerikanismus« usurpierten, um mit der (historisch antideutschen) Kampagne »100% Americanism« einen angloprotestantischen, nahezu klerikalfaschistischen, jedoch antikatholischen Ständestaat zu propagieren? Der Versuch dieser Gruppierungen, den Begriff als anglochauvinistische Formel gegen das Regime des »New Deal« (und auch etliche euroamerikanische Gruppen) zu verwenden, war nicht nur erfolglos, sondern zugleich inhaltlich inkohärent: Um George Washington als »ersten Faschisten« zu interpretieren, muss man zwangsweise dessen humanistisch-demokratische und zum Teil bereits multikulturelle Standpunkte ausblenden, ebenso wie die Tatsache, dass er wie viele andere amerikanische Elitenangehörige jener Epoche kein ernst zu nehmender Christ war, sondern es sich bei diesen Herren um Deisten, Freimaurer und dergleichen handelte. Zudem sind die Gründerväter genauso sehr White nationalists gewesen, wie sie liberale Kosmopoliten waren – das ist das besagte Phänomen des amerikanischen Dualismus bzw. des Double-consciousness, dessen Auflösung in den Amerikanismus führte.

Mit einer solchen Deutung fiele man sogar hinter die Erkenntnisse der nationalistischen weißen Bewegung in den heutigen USA zurück (nicht zu verwechseln mit der »MAGA«-nahen und in erster Linie online existierenden Dissident Right oder dem, was auch immer Richard Spencer mit Mark Brahmin gerade so treibt), die sich selbst in einem Gegensatz zum Amerikanismus und den Civic oder American nationalists (»AmNats«) sieht. Die weißen Amerikaner werden dabei als eigentliche Nation begriffen, die unter einem falschen Bewusstsein leide, nämlich ihrer Identifikation mit dem Amerikanismus bzw. dem amerikanischen imperialen Staat.

Die »alten Kämpfer« der Alternative Right, Autoren und Aktivisten wie Joseph Jordan, Warren Balogh oder Gregory Conte, finden über das amerikanische Projekt noch deutlich kritischere Worte, als ich sie jemals wählen würde. Sie haben nach etlichen Versuchen einer amerikanisch kodierten ethnonationalistischen Bewegung für Weiße das Red, White and Blue gänzlich aufgegeben (eine Ausnahme wäre wohl die Gruppe »Patriot Front«, die allerdings in einer anderen Tradition steht und mit vielen inhaltlichen Punkten von Der III. Weg ihre Probleme hätte) und fokussieren sich stattdessen nunmehr auf die mitteleuropäischen Bewegungen des ersten Drittels des letzten Jahrhunderts.

Dies nicht zuletzt deshalb, weil im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre, nach der »nationalen Revolution« also, reichlich analytisches Material zu den mit Roosevelt globalistisch und antieuropäisch ausgreifenden USA und ihrer Kulturideologie des Amerikanismus produziert wurde, welches die Alt-Right zu rezipieren begann. Im besagten deutschen Staat dieser Zeit, der von den US-Eliten als schicksalhafter Widersacher betrachtet wurde (und noch heute wird), galt der Amerikanismus neben dem Bolschewismus als größte »Weltgefahr«, die als Pathologie der puritanischen Angloamerikaner hergeleitet wurde. Einschätzungen der USA aus jener Ära waren noch deutlich pessimistischer als die gegenwärtigen. Edmund Fürholzer stellte 1943 in seinem Menschen wie wir? Ein Amerikabuch für Europäer sogar die Behauptung auf, dass mit »fünfzehn Millionen Negern und weiteren Millionen mexikanischer Mischlinge […] die USA heute schon kein weißer Staat mehr« seien.

Amerika und die radikale Rechte

Nun muss man derlei antiquarische Schriftstücke zum Amerikanismus (es gäbe noch andere interessante, auch aus den USA selbst) natürlich nicht für relevant halten, doch es ist fast so, als wolle der Rezensent ein imaginäres Alternativamerika verteidigen, das berücksichtigungswürdig sei, um nicht nur Sympathie für die real existierenden USA der Gegenwart zu erzeugen, sondern diese auch noch von der amerikanistischen Kulturideologie und deren Ausgeburten freizusprechen, die mit diesem imperialen Staat seit über zwei Jahrhunderten untrennbar verwoben sind und ihre Wurzeln nun einmal tief in der anglokolonialen Erfahrung haben. »Ein anderes Amerika ist möglich«: Diese Hoffnung scheint bei so manchen Rechten insbesondere nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus als naiver Gedanke reanimiert worden zu sein, und der Aufbau von »MAGA 2.0« und dem europäischen Ableger des National Conservatism des Israeli Yoram Hazony lässt so manchen »Identitären« mittlerweile nur noch auf Englisch xittern.

Dabei ist spätestens seit den Veröffentlichungen der Epstein-E-Mails kein Geheimnis mehr, dass amerikanische Geheimdienste in diese Stimmung eingreifen, um jede eurozentrisch-rechte, kritisch-oppositionelle Haltung zur US-Hegemonie und dem (im Kern noch immer antiweißen) US-Imperium als »drittweltlerisch« oder »putinistisch« zu stigmatisieren. Memes vom längst untergegangenen weißen Angloamerika werden von Trumps Social-Media-Mitarbeitern in die digitale Welt geschossen und von den begeisterten, chronisch im Netz lebenden Rechten hierzulande dann als Belege einer großen Wende aufgefasst. Als Trump 2016, noch vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten, in Cleveland verkündete: »Americanism, not globalism, will be our credo«, war schon dem einen oder anderen US-Rechten klar, dass es sich dabei um einen Widerspruch handelte. Diese Erkenntnis ist hierzulande ein Jahrzehnt später offenbar selbst in nationalen Kreisen noch nicht angekommen.

Und so ist auch nicht zu übersehen, dass im nationalrevolutionären Milieu mit dem Angriff der Russischen Föderation auf die Ukraine ebenfalls eine gewisse Westapologetik eingesetzt hat, welche die (mal linksliberal-woke, mal neokonservative) US-Hegemonie als unterm Strich doch implizit »weiße Welt« mit dem »neobolschewistisch-eurasischen« Russland kontrastiert. Ich persönlich halte diese Dichotomie für analytisch falsch, in Teilen schlicht überholt, und die daraus resultierenden politischen Folgerungen für fatal, obgleich ich – um es noch einmal zu betonen – keine russische Hegemonie über Europa befürworte oder begrüßen würde und auch den gefallenen Ukrainern ein besseres Resultat für ihren heldenhaften Kampf gewünscht hätte als das Ausbluten ihrer Jugend und das Ausplündern ihres Landes durch eine korrupte Elite.

Das Problem ist schlicht, dass die »westliche Zivilisation« spätestens seit 1945 einen mehrheitlich von Europäern besiedelten, jedoch amerikanisierten Raum darstellt, in dem die selbsterhaltungswilligen Europäer gar kein Mitspracherecht haben (so wie die besagten WASPs ab Mitte des letzten Jahrhunderts). Und dieser Zustand wird so lange bestehen bleiben, wie die amerikanische Hegemonie über unsere Völker bestehen bleibt – einschließlich der weißen Amerikaner.

Auf diese Debatte soll an dieser Stelle aber gar nicht weiter eingegangen werden. Den wenigen Austauschgelegenheiten mit nationalrevolutionär gesinnten Individuen konnte ich bislang auch weitaus differenziertere, intelligente Standpunkte entnehmen. Im Übrigen sind Westbindung und Transatlantismus keine offiziellen Positionen von Der III. Weg, und auch den US-Imperialismus lehne man ab, betonte der Parteivorsitzende Matthias Fischer beispielsweise im Podcast »Wie gesagt« noch vor zwei Jahren. Überhaupt ist diesem Milieu zugutezuhalten, dass dort diszipliniert gelebt, tatsächlich gelesen und Bildungsarbeit betrieben sowie ein recht nüchternes Bild auf manche Machtverhältnisse der staatlichen Ordnung gepflegt wird. Dass diese Strukturen derzeit großen Zulauf von Jugendlichen erfahren, sollte denn auch den einen oder anderen Strategen des rechtspopulistisch-identitären Lagers eher beunruhigen.

(Autor: Marvin T. Neumann)

2 Kommentare zu „Eine Replik zum Amerikanismus“

  1. „Dangerous Nation. America’s Place in the World From Its Earliest Days to the Dawn of the 20th Century von Robert Kagan“

    Hier habe ich aufgehört zu lesen. Kagan ist ein Neoclown, wie Vox Day ihn nennen würde. Solche Eliten des tiefen Staates haben sich dort eingenistet, da die Vereinigten Staaten nun einmal die größte Weltmacht (noch) sind, haben aber logischerweise nichts fürs Christentum und die Amerikaner übrig, welche ja Angelsachsen sind. Denn unter „native American“ verstand man bis in die 1960er Angelsachsen.

    Daß es sich hier um eine Umwertung handelt, darauf machte Vox Day letztens noch aufmerksam:

    https://voxday.net/2025/03/26/there-are-not-two-wests/

    Übrigens hatte James Burnham bereits 1964 ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Suicide of the West“ veröffentlicht.

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