Von rechts gelesen – Sendung 179 – »Der Tiger«

Eigentlich ist es im deutschen Film immer dasselbe, wenn es um die eigene Geschichte geht: Die Deutschen sind die Täter, andere die Opfer. So weit, so normal?

Anfang Januar feierte der Film »Der Tiger« seine Streaming-Premiere auf Amazon Prime Video. Und hier, so meinen Volker Zierke und Philip Stein, lässt sich eine erste, behutsame Trendwende erkennen. Außerdem erklärt Zierke, wie ein Panzer funktioniert – Stoff genug also für eine ausführliche Besprechung.

6 Gedanken zu „Von rechts gelesen – Sendung 179 – »Der Tiger«“

  1. Klingt nach einem interessanten Film.
    Amazon Prime habe ich nicht, hatte ich nie und werde es nie haben. Aber wenn der mal im Fernsehen läuft, schaue ich ihn mir gerne an. Vielleicht kommt er auch irgendwann mal auf DVD oder Blu Ray raus. Aber das ist bei Amazon wohl eher unwahrscheinlich.

  2. Gute und interessante Filmbesprechung, die auch Widersprüche und Logikfehler herausarbeitet.

    Ein zentrales Motiv im „Tiger“ wird allerdings leider etwas stiefmütterlich behandelt: das (Ver-)Brennen.

    Es geht hier um die Szene, als der Tiger die SU-100 zerstört hat und im Film die Rede davon ist, dass Menschen nicht so schnell verbrennen und dass „hier etwas nicht stimmt“. Gezeigt wird dabei die halb skelettierte SU-Panzerbesatzung.

    Stein sagt, dass er die Szene nicht richtig verstanden habe, Zierke stellt später fest, dass Gerkens´ Frau und Kind „bei einem Bombenangriff“ ums Leben gekommen sind.

    Letzteres ist völlig korrekt. Allerdings handelt es sich nicht um irgendeinen beliebigen „Bombenangriff“. Vielmehr wurden Frau und Kind von den Allierten bei deren „Operation Gomorrha“ (Hamburger Feuersturm) ermordet, wie zehntausende weitere Zivilisten.
    Darauf weist das Telegramm hin, das Gerkens erhält. Die Familie war in Hamburg ansässig, Frau und Kind wurden laut Telegrammtext am 24. Juli ermordet, dem Beginn des Hamburger Feuersturms.

    Die Allierten setzten hier im großen Stil u. a. Phosporbomben ein, wodurch ein Löschen der Flammen kaum möglich war und zehntausende Zivilisten in kürzester Zeit bei lebendigem Leib „bis auf die Knochen“ verbrannten (genau wie später die SU-Panzerbesatzung im Film).

    Das erscheint im Kontext sehr wichtig, weil dadurch in diesem psychologisch angehauchten Film sozusagen ein „karmischer Dreischritt des Brandopfers“ erkennbar wird:

    1. Gerkens setzt sich Anfang 1943 in Stalingrad über die menschlichen Skrupel seines Freundes/Vorgesetzten Paul von Hardenburg (erinnert weniger an einen Karl, wie Stein meint, sondern an den „guten“ Reichspräsidenten Paul von Hindenburg) hinweg, und lässt die sowjetische Traktorenfabrik mitsamt den darin befindlichen Frauen und Kindern (darauf wird im Film explizit hingewiesen, Gerkens wusste es also im Vorfeld) eigenmächtig in Brand setzen, sodass alle bei lebendigem Leib verbrennen. Dadurch ist Gerkens schuldig geworden.

    2. am 24. Juli 1943 schlägt das Karma gegen Gerkens zurück, weil diesmal seine Frau und Kind im Hamburger Feuersturm bei lebendigem Leib verbrannt werden.

    3. Dadurch wird Gerkens Ende 1943 fatalistisch und todessehnsüchtig, er bleibt am Beginn des Films dann trotz dringlicher Warnungen seiner Untergebenen zu lange „im Feuer“ des Gegners stehen, sodass die Panzerbesatzung den Rückzug über die Brücke nicht mehr schafft, sondern in den Dnjepr stürzt. Das Gerkens innerlich verzehrende „Feuer“ wird dann durch das Wasser des Dnjepr endgültig gelöscht – existenziell und im übertragenden Sinn.
    Dabei reißt Gerkens seine Untergebenen, die die Brücke früher überqueren wollten, mit in den Tod.

    Schade übrigens auch, dass Stein und Zierke dem Rehkitz auf der Brücke keine Aufmerksamkeit schenken. Das wäre in diesem Zusammenhang nochmal sehr interessant gewesen.

    Wenn man den deutlichen Hinweis auf den Hamburger Feuersturm zu entschlüsseln weiß, ist auch keinster Weise mehr nachvollziehbar, dass es sich laut manchen Kritikern angeblich um einen „Schuldkultfilm“ handeln würde.

    Zwar werden deutsche Kriegsverbrechen eindeutig dargestellt: Der Kriegsverbrecher „Obersturmbannführer Krebs“ im Feindesland oder Niemandsland, der – wiederum – sowjetische Frauen und Kinder in die Kirche treiben und bei lebendigem Leib anzünden und verbrennen lässt, fungiert dabei in Gerkens innerer Rückblende/Nahtoderfahrung als eine Art Alter Ego von Gerkens, der ja vorher selbst sowjetische Frauen und Kinder vorsätzlich und gezielt in der Traktorenfabrik angezündet und bei lebendigem Leib verbrannt hat.

    Allerdings gilt auch die alliierte „Operation Gomorrha“/Hamburger Feuersturm als Kriegsverbrechen, wie auch die Mainstreammedien konzedieren (z. B. der Spiegel im Jahr 2023).

    Regisseur Gansel zeigt im Film also Kriegsverbrechen beider Kriegsparteien, die alliierten Kriegsverbrechen zugegeben allerdings weniger plakativ.

    Mag schon sein, dass ein solcher Film vor 5 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre, wie Stein meint. Andererseits hatte man auch schon 1993 in Vilsmaiers „Stalingrad“ mit Rollo, GeGe usw. Mitgefühl.

    Dass ein solcher Film heute möglich ist, dürfte hauptsächlich der heutigen Staatsräson geschuldet sein. Schließlich muss auch die „Zeitwende“ durch jede Menge Opportunisten orchestriert werden.

    Hatte Gansel früher solche für die damalige Staatsräson „besonders wertvollen“ Streifen wie „Die Welle“ oder „Napola“ eingespeist, ist es heute der „oscarverdächtige“ „Tiger“, bei dem es im Innenraum des deutschen Soldaten schon ein wenig menschelt.
    Wer in ein paar Jahren einen Krieg vom Zaun brechen will, benötigt schließlich für den „Schützen Arsch im letzten Glied“ ordentliche militärische Identifikationsfiguren.

    Die medialen Propagandakompanien stehen dafür längst Gewehr bei Fuß.

    „Der Tiger“ markiert bei diesem Vorhaben einen Übergang, einen Wendepunkt, ein erstes Vorfühlen „im weitesten Sinn“. Militärisch gesehen ist er ein Pionier- und Pilotfilm der heutigen Staatsräson, „edlere“ Motive sollten Gansel und seinem „Tiger“ hier nicht nachgesagt werden.

    So ein richtiges filmisches „Heldenepos“ des deutschen Soldaten, von dem Stein spricht, dürfte im medialen Krieg um die Köpfe also bald in die Schlacht geworfen werden. Sobald die Volksseele den „Tiger“ im Sinne der amtierenden Staatsräson verdaut hat.

      1. Guter Hinweis auf das „schnelle Verbrennen“. Gibt es eine Idee zum Rehkitz? Ich hatte eine dunkle Lars von Trier Assoziation (Antichrist), konnte ihr aber keinen weiteren Sinn geben.

  3. Prime hab ich schon lang nicht mehr genutzt, war dann aber überrascht, dass ein deutscher Film in Belgien #2 war. Das ist extrem selten. Da der Streifen optisch und atmosphärisch sehr ansprechend war, hab ich ihn überhaupt weiter angesehen – denn der Prime-Inhalt ist oft grottenschlecht.
    Nun, zum eigentlichen politischen Inhalt:
    Gezeigt werden Einzelschicksale, Unterschiede in der Wahrnehmung. Insbesondere aber Soldaten als Individuen, sehr bemüht im Zusammenhalt der Gruppe. Die Hauptdarsteller sind damit beschäftigt, zu überleben. Erst später tauchen extern Extremnazi-Kommandanten auf, deren Aufgabe die Rache an der russischen Zivilbevölkerung ist.
    Rußland? Ganz schön kriegskritisch – wenn nicht gar die Umkehrung des aktuellen Blöd-Zeitgeistes!
    Am Ende entpuppt sich das Ganze als Schachspiel zweier Befehlsempfänger. Individuen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen.
    Wahrnehmung ist das Schüsselwort – und nicht Schuld. Die Schuld ist allgegenwärtig – in der Zeit.

  4. Zum Thema Oscar und dass eine englische Synchro logischerweise die unterschiedlichen deutschen Dialekte der Panzerbesatzung nicht berücksichtigen könne: Im englischsprachigen Raum laufen ausländische Filme grundsätzlich in der OV mit Untertiteln. „Dubbing“ kennt man dort eigentlich nicht. Ich finde es grundsätzlich auch sehr schwierig einen Film, bzw. schauspielerische Leistungen zu bewerten, wenn man sich nur die synchronisierte Fassung ansieht. Daniel Day Lewis ist z.B. für seine außergewöhnlich überzeugende „Range“ in verschiedenen Dialekten bekannt. Bei der deutschen Synchro geht dieser wichtige Aspekt komplett verloren.

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