Christopher Nolans Die Odyssee ist in aller Munde. Ich hatte eigentlich nicht vor, mich in die szenetypischen Diskussionen um ethnisch ahistorische Besetzungen und nicht authentisch umgesetzte Erzählstränge einzubringen, doch das eigentlich Interessante und Diskussionswürdige an diesem Film scheint größtenteils unterzugehen. Daher folgen ein paar Bemerkungen zur Einordnung meinerseits.
Vorweg sei gesagt, dass ich diesen Film für nicht gut gelungen halte: Die Sets sehen für einen Blockbuster dieses Kalibers zu billig aus, die Kampfszenen haben Slapstickniveau, die Dialoge sind flach – teils unfreiwillig komisch, die Schauspielleistungen mit wenigen Ausnahmen bestenfalls durchschnittlich, das Pacing problematisch und die Designentscheidungen fragwürdig.
Der Film wirkt auf mich vor allem inkonsistent: Nolan scheint sich nicht entscheiden zu können, ob es nach grauem Realismus oder doch traumgleicher Fantasie aussehen soll und ob der Stoff komplett entmythologisiert wird oder aber doch die mystisch-historischen Elemente seiner Symbolwelt ernst nehmen soll. Das alles ist – selbst wenn man dem Konzept positiv gegenübersteht – deutlich unter Nolans sonstigem Niveau umgesetzt.
In ähnlich schlampiger Weise funktioniert die teils zu offenkundige Moralisierung des Filmes, die schon vorab vor allem von rechts kritisiert wurde: Die weiblichen Figuren Penelope und Helena dienen nur als Vehikel modern-westlicher Kritik hinsichtlich der Frauenrolle in der Antike (ironischerweise sind sie im Stoff von Homer deutlich komplexer charakterisiert als in ihrer feministisch-diversen Uminterpretation), die Inszenierung Odysseus’ schlechten Gewissens wirkt im antiken Setting einfach anachronistisch, und ja, die ethnische Komponente reißt einen gelegentlich aus dem Film.
Vor allem aber ist es die (völlig unnötige) Dichte an Hollywoodstars, die für ihre Rollen schlicht falsch gecastet sind und der Erzählwelt den Charakter eines Promitreffs in Miami verleihen.
Man spürt an zu vielen Stellen, dass Nolan hier nicht die Geschichte der Odyssee erzählt, sondern ein Psychogramm des gegenwärtigen amerikanischen Westens probiert. Doch genau das macht den Film interessant – wenn man ihn eben nicht als Odyssee schaut.
Schuld statt Glorie, oder: Amerika statt Hellas
Dass es sich bei diesem Film also gar nicht um einen echten Historienfilm oder ein mythologisches Epos handelt, hat sich mittlerweile auch in der Gegenöffentlichkeit herumgesprochen.
Nolan hat eine Botschaft, und der historische Stoff dient dabei lediglich als Mittel zum Zweck: Die Hybris des Westens und die Krise liberaler wie internationaler Institutionen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie das widersprüchliche Selbstbild (alternder) Liberalkonservativer.
Diese Themen begleiten Nolans gesamte Karriere und sind beispielsweise in der Batman-Trilogie zentral. Es geht also vor allem um Nolan selbst und seinen Blick auf den sich anbahnenden Untergang der amerikanischen Nachkriegswelt.
Nolan lädt dafür die Xenia mit einer apokalyptischen Bedeutung auf: Dieses antike Gebot der reziproken Gastfreundschaft, das vor allem eine soziale wie diplomatische Funktion erfüllte, wird dabei in die Nähe christlicher Nächstenliebe und humanistischer Brüderlichkeit gerückt.
Nolan gibt hier dem Völker- und Asylrecht, der Liberal world order und den Verfassungsnormen liberaler Demokratien eine metaphysische Kraft – auch das war bereits Thema, in Oppenheimer (2023). Das Verletzen dieses Sittengesetzes führt in der Odyssee zum Untergang zivilisierter Lebensform, und Odysseus hat sich laut Nolan mit seiner List gegen die Trojaner genau dieses Sündenfalles schuldig gemacht.
An die Stelle des heroischen Motivs in Homers Ursprungswerk tritt hier die psychiatrische Verarbeitung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Gewissen plagt Odysseus, und die Vermutung, er habe die Grundlagen seiner Zivilisation zerstört, ist auch Nolans Befürchtung.
Der Film führt hier das christliche Schuldempfinden in die vorchristliche Antike ein, das historisch wiederum die Entwicklung des modernen reflexiven (liberalen) Individuums vorbereitete – überspringt jedoch die damit einst verbundene und zivilisationsbindende Hoffnung auf Erlösung (das Telos des mittelalterlichen Abendlandes) und landet so in der postmodernen westlichen Moral unserer Gegenwart.
Schuldgefühle und Sünde sind die treibenden Motive in Nolans Filmwelt, doch es gibt keine Aussicht auf innere Läuterung – das macht der Handlungsverlauf klar. Und auch dieses Konzept ist sehr gegenwärtig-westlich.
Diese moralische Setzung ist mit dem Great Awokening vor einem Jahrzehnt von der rein akademischen Welt in den kulturellen Mainstream geströmt. Sie ist mit dem Begriff der »Weißheit« (Whiteness) oder »weißer Schuld« (White guilt) bezeichnet worden.
Besonders exemplarisch wurde dies von Robin DiAngelo in ihrem Buch White Fragility (2018) dargestellt. Die Quintessenz des Buches lautete etwa, der moralische Standard der westlichen Zivilisation sei weltoffen und antirassistisch, doch die weiße Mehrheitsbevölkerung besagter Zivilisation könne den eigenen Rassismus der Vergangenheit und Gegenwart nicht adäquat thematisieren und kurieren – weil er ihr inhärent sei. Das Gestell der westlichen Zivilisation sei daher von der »Weißheit« ihrer dominierenden Demografie kontaminiert.
Das heißt: Weiße Menschen seien qua ihrer Existenz als weiße Menschen schuldig. Ihr Dasein und Handeln stehe somit immer in einem Spannungsverhältnis zu den Werten und Normen der von ihnen selbst hervorgebrachten westlichen Zivilisation; ihr antizivilisatorisch-unterdrückerisches Handeln im Namen der Zivilisation – diese Hybris sei ein Problem, das nur unter technokratischer Überwachung und permanenter Selbstevaluation einzuhegen wäre.
Die Hüter der liberalistischen Ideale des Westens, all die linksliberalen, progressiven Akademiker und Aktivisten meinten in den 2010ern, diese parasitäre Gefahr der Whiteness erkannt zu haben. Sie zu erkennen, zu ergründen und in Quarantäne stecken zu wollen ist, was mit woke gemeint war.
Und so, wie die Weißen in der »erwachten«, amerikanisierten westlichen Zivilisation keine Sühne für ihre Schuld erlangen können, werden auch im Film die griechischen Sünder erbarmungslos ihrer Strafe zugeführt: Das Ende ihrer Zivilisation und des Bronzezeitalters überhaupt geht auf ihre Kappe, ihre Versündigung gegen Zeus’ Xenia, die goldene Regel der Zivilisation, bedeutet einen unwiderruflichen Zivilisationsbruch, die nomadisch-barbarischen Seevölker sind in Wahrheit Odysseus und seine Weggefährten – so, wie die eigentlichen Barbaren in der Geschichte des modernen Westens die Europäer selbst gewesen sein sollen.
Auch wenn Nolans Entmythologisierung nicht konsistent durchgezogen wird (wohl das größte Problem dieses Filmes), steht der Blockbuster damit in der modernen Hollywoodtradition der Dekonstruktion europäisch-westlicher Kulturgeschichte: Der griechische Mythos ist hier ein Trauma, der Heroismus europäischer Vorzeit wird psychopathologisiert, der antike Kosmos zu einer simulierten Innerlichkeit degradiert und seine großen Narrative und Sozialstrukturen als Ballast der »eigentlichen« Zivilisation entlarvt, die am Ende – als ultimative Dekonstruktion – durch die Flucht aus der archaischen Heimat freigelegt wird, wenn Nolans von seiner empowerten Frau belehrter Odysseus sagt, dass ein neuer Morgen über »diese dunkle Welt« kommen könnte.
Dieser neue Morgen ist in Bezug auf das historische Setting natürlich alles Emanzipatorische, was sodann mit Aufklärung und liberaler Moderne durchbrechen würde – und auch Nolans Film gehört dazu.
Dieser Film beabsichtigt also die endgültige Dekonstruktion des westlichen Kanons, indem der Dekonstruktionsversuch selbst reflexiv Teil der Mythologie und damit ihre Aufhebung wird. Die griechische Antike ist bei Nolan das schlechte Gewissen, in dem sich auch die Gestalt des heutigen Westens spiegelt.
Die griechischen Vorbereiter der westlichen Zivilisation waren für ihn ebenso heuchlerisch wie ihre amerikanischen Vollender, und beide haben sie deshalb vermutlich verspielt.
Die Tradition der Revolution
Was wir hier also sehen können, ist das untergehende multiethnische, feminisierte Amerika – die historische Krönung westlicher Zivilisation im Sinne ihrer oikophoben Imperative – und eine Art Therapie für den psychologisch instabilen, demoralisierten westlichen Zuschauer, der die in Wokeness gegipfelte Entartung postchristlich-humanistischer Werte verinnerlicht hat und orientierungslos den Untergang seiner eigenen Zivilisation beklagt und zugleich herbeisehnt.
Nolans Kommentar scheint mir recht eindeutig: Die Ordnung des Westens erodiert, weil sie mit heuchlerischer Doppelmoral aufgesetzt wurde – auf die ganze Weltordnung ausgedehnt bombte man im Namen der Menschenrechte ein Jahrhundert lang barbarisch um sich und schwächte daheim die Aufrechterhaltung der liberalen Institutionen. Innen wie außen schadete man der Zivilisation in ihrem eigenen Namen.
Die Parallelen – ob beabsichtigt oder nicht – sind klar zu sehen: Der Krieg gegen Troja wird als Angriffskrieg gerahmt, der unter einem falschen Vorwand begonnen wurde (obgleich die konsensuale Entführung der Helena selbst einen Verstoß gegen das Sittengebot darstellte), um eine Stadt zu zerstören, welche die Handelswege kontrolliert, von denen die Existenz ganz Griechenlands abhängt.
Die Zerstörung Trojas nach einem langen Krieg schlägt um in die Zerstörung der gesamten Zivilisation; der genormte zivile Umgang weicht der Odyssee, dem Tod vieler Griechen, und der Fremde erscheint folglich nur noch als Eindringling und nicht länger als Gast.
In einer ähnlichen Lage befinden sich die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Protektorate: Der Irankrieg wurde unter dem Vorwand der nuklearen Bewaffnung Teherans begonnen (eine Lüge, die so alt ist wie Benjamin Netanjahus Karriere), die Straße von Hormus ist eine ökonomische Hauptschlagader unseres fossilen Zeitalters, und die Folgen eines totalen Sieges der USA (der laut Trump mit der Vernichtung der iranischen Zivilisation einhergehen könnte) dürften das Ende der Pax Americana besiegeln und damit auch die Normen der internationalen Ordnung brechen (die Washington und Tel Aviv ohnehin schon mehrfach verletzt und für obsolet erklärt haben).
Nolan missbraucht für diese Metakritik den westlichen Kanon auf eine besonders unschöne Weise – doch diese Art der bis ins Absurde getriebenen Selbstkritik ist selbst Teil der westlichen Tradition. Und sie lässt sich in der Tat bereits in der griechischen Antike erkennen: Der Dramatiker Euripides beispielsweise dekonstruierte im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinem Stück Herakles die griechischen Götter, indem er sie als moralisch fragwürdige Wesen darstellte, die einer Anbetung unwürdig seien, und in Medea thematisierte er die hilflose Rolle der benachteiligten Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Athens.
Der Philosoph Diogenes von Sinope wiederum prägte den Begriff des Kosmopoliten auf jene Art, wie er uns heutzutage geläufig ist: Auf die Frage nach seiner Herkunft beschrieb er sich als Weltbürger, für traditionsverbundene Griechen hatte er nur Spott übrig und gab sich ausländischen Bräuchen und Moden hin, gerade dann, wenn diese im Widerspruch zu denen der Griechen standen.
Diese in den zivilisatorischen Suizid mündende reflexive Kulturkritik brach im frühneuzeitlichen Westen erneut aus. Gerade die USA schöpfen ihre Tradition aus einer normativen Revolution: dem Bruch mit dem Abendland. Es ist diese dialektische Selbstzerstörung, die mit der Amerikanischen und Französischen Revolution in Europas Geschichte eintrat und den Westen überhaupt erst zu einer antiabendländischen Konstruktion machte, die langsam ihrem logischen Schluss näher kommt.
»Der Westen«, wie wir ihn seit bald einem Jahrhundert auch in Mitteleuropa kennen und durch dessen Linse wir auf Odysseus schauen, ist ein Imitat des Abendlandes, das auf dem nordamerikanischen Kontinent entstand und den abendländischen Part seiner Mischung aus antiker Klassik, kosmopolitischem Humanismus, anglofranzösischer Aufklärung und säkularisierter protestantischer Identität letztendlich im Namen der anderen ausradierte.
Die Revolution ist die Tradition des Westens. Woke zu sein bedeutet, westlich zu sein.
Und auch das Imitieren und Verfremden vorzeitlicher Hochkulturen ist nicht erst mit Hollywood entstanden, sondern uramerikanische Tradition: Die frühen Angloamerikaner präsentierten sich im Gewand der Hellenen und bauten im Stil der Römer, sprachen Französisch und gaben sich – in puritanischer Tradition – frommer als die katholischen Christen der Alten Welt und weiser als alle Philosophen ihrer Zeit.
Zugleich prophezeiten sie bereits eine Vision der westlichen Zivilisation, wie Nolan sie uns präsentiert: Schon der siebte Präsident des Yale College und Mitgründer der Brown University, Ezra Stiles, verkündete 1783, dass Amerika die »Saat der Freiheit« in der »bewohnten Welt« verbreiten müsse und seine Institutionen jene Hindernisse, die »den Fortschritt der Gesellschaft hin zur Vollkommenheit behindern«, beseitigen würden.
Der Vater des amerikanischen Staates wünschte sich für die Zukunft, »dass dieses Land ein sicheres und angenehmes Asyl für den tugendhaften und verfolgten Teil der Menschheit« werde, »welcher Nation sie auch angehören mögen« (George Washington 1788). Damit werde es dieses »Asyl der Völker« in seiner Zivilisationswerdung vermögen, aus der »Energie […] aller europäischen Stämme, der Afrikaner und der Polynesier eine neue Rasse zu schaffen« (Ralph Waldo Emerson 1846).
Der transethnische und transhistorische Westen war und ist das Telos Amerikas – und Nolans Projektion auf das antike Griechenland nur folgerichtig.
Das Ende des mykenischen Amerika?
Dieser amerikanisierte Westen erlebt nun seinen eigenen epochalen Kollaps: Am Golf versündigt er sich abermals an den liberal-humanistischen Werten, auf die er sich zur Vernichtung der Iraner beruft (für die angebliche Befreiung der Iraner vom homophoben, frauenfeindlichen »Mullahregime« tötete man am ersten Tage des Krieges in Minab 170 Menschen in einer Mädchenschule), und daheim haben illiberale Volksgruppen die Gastfreundschaft liberaler Gesellschaften längst dermaßen überspannt, dass das Ende des zivilen Miteinander an der Häufigkeit von ethnischen Spannungen, Terroranschlägen und Amokläufen gemessen werden könnte.
Vielleicht ist Nolans Odyssee also eine innerliche Wanderung des alternden Regisseurs, der zwar an den liberalistischen Idealen des Westens festhält, aber anerkennen muss, dass man’s im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert doch zu weit getrieben hat und die Folge der neokonservativen Kriegs- und linksliberalen Migrationspolitik die Erosion jener zivilisatorischen Ordnung sein könnte, die Nolan unbedingt erhalten möchte.
Nolan ist – bei allem Knirsch dieser Filmumsetzung – nicht woke, sondern ein durchschnittlicher »LibKon« des Jahres 2026.
Vielleicht liefert er aber auch nur die filmische Vergewisserung für eine demoralisierte westliche Jugend, die psychisch nicht mehr ganz im Gleichgewicht steht: Eure Welt ist grau, und ihr tragt die untilgbare Schuld eurer Vorfahren (Boomer inklusive), aber es wird einen neuen Morgen geben, solltet ihr die goldene Regel wiederherstellen können – und das heißt: Schluss mit pathologischem Altruismus und suizidaler Xenophilie, zurück zur farbenblinden Ordnung der Werte, zurück zum idealisierten Amerika.
Die penetrante multiethnische Schauspielerauswahl mag womöglich auf »DEI«-Vorgaben in Hollywood zurückgehen – sie steht nicht im Widerspruch zum Amerikabild des Westens, das längst Teil des US-Konservatismus geworden ist.
Matt Damon ist die perfekte Besetzung für diese Botschaft. Er hat das All-(White)-American face und ist als graubärtiger alter weißer Mann, umgeben vom Diversity cast und therapeutisch begleitet von der rassisch amorphen Athena, die Verkörperung des postchristlichen Baby boomer, der in seinen späten Jahren eine neurotische, im Kern immer noch egozentrische Fixierung auf das vermeintlich nicht sühnbare Trauma seiner Generation entwickelt hat: als jener Generation, die nach dem Weltkrieg nicht nur die westliche, sondern praktisch die ganze Welt geerbt und allzu lange unreflektiert mit ihren Handlungen und denen ihrer Vorfahren gelebt habe.
Nun ist der Boomer gezwungen, seine Hybris zu erkennen, so wie Nolans Odysseus. Und es ist nur allzu passend, dass seine Buße am Ende des Filmes darin besteht, der (im Original langersehnten) Heimat und all seinen Verpflichtungen einfach den Rücken zu kehren. So wird man diese Generation vermutlich in Erinnerung halten.
Ein Heimatrecht hat er verloren. Nolans Odysseus kann nicht als Held heimkehren und nur versuchen, noch ein einziges Mal Zeus’ Gesetz gerecht zu werden. In seiner letzten Handlung vertreibt er noch die Fremden aus Ithaka, die, so wie er auch, gegen die Gesetze der Zivilisation verstoßen haben und die Ordnung unterminieren.
Er verteidigt hier vor allem das abstrakte Ideal der westlichen Zivilisation – die Demokratie, das Recht, die liberalen Institutionen und all die Humanitätsduselei – und sichert diese Rettungstat mit seiner Selbstverbannung ab.
Der Westen kann nicht die Zivilisation sein, solange der weiße Mann ihr Träger bleibt. Er hat längst bewiesen, dass er ihrer nicht würdig ist – so wie die längst historisierten (und daher auch nicht in ihrer originalen Ethnizität sichtbaren) Griechen des Altertums.
Unter diesem Gesichtspunkt ist die Demografie der Besetzung also fast schon zu begrüßen. Wir sehen hier den im multikulturellen Amerika aufgegangenen Westen.
Und so, wie dieses Amerika sich noch heute mancher griechisch-römischen Form bemächtigt und sich auf ein christliches Angloamerika bezieht, das es weder kulturell noch demografisch mehr gibt, kann es von Nolan problemlos in die Antike versetzt werden und sich gleichermaßen substanzlos der Symbolwelt der hellenischen Zivilisation bedienen.
Dieses Griechenland ist so weit weg von der historischen Vorlage, wie das Bilderbuchvorstadtamerika der 1940er- und 1950er-Jahre, das man in Oppenheimer zu sehen bekommt, von den realen USA mit einem weißen Bevölkerungsanteil von gerade einmal 56 Prozent entfernt ist – zeitlich weniger, doch zwischen den Lebensrealitäten liegen Epochen.
Nolan sagt mit diesem Film im Übrigen »Ja« zur Remigration. Zur Remigration des barbarischen Überschusses, der den Westen ebenso destabilisiert wie der fragile Weiße, der die Barbarei erst in die Welt gebracht haben soll. Sie beide verschwinden.
Es bleibt das bröckelnde Diversity-Griechenland, dem der fragile Odysseus einen »besseren Morgen« wünscht. Tatsächlich folgt, so die Implikation, das Ende des Bronzezeitalters und damit auch des mykenischen Griechenland.
Was aus Amerika und seinem Westen nach dem Irankrieg wird, das werden wir als Publikum noch erleben können. Was am Ende dieses Jahrhunderts damit passiert – womöglich das Ende des fossilen Zeitalters, zumindest aber der Anbruch einer dystopisch anmutenden Welt künstlicher Intelligenz, schwindender Ressourcen und demografischer Krisen –, das liegt auch für uns in der mythologischen Vorstellungskraft.
(Autor: Marvin T. Neumann)