Eine Reise durch Siebenbürgen: von Kronstadt hinauf in die Karpaten, durch Dörfer und Plattenbauviertel – und hinaus aus der deutschen Gewohnheit.
Früher bin ich oft in alte Fabriken gestiegen oder auf vergessene Fördertürme geklettert, bin durch Alpenschnee zum Gipfelkreuz gestapft und verträumt durch das Baltikum gewandert. Aber irgendwann fing dann die Gewohnheit an, mit scharfen Krallen nach meinem Alltag zu greifen, und riss ihn mit aller Macht an sich: das gleiche Essen zur gleichen Zeit, aufstehen um Punkt sechs Uhr, im Dunkeln von der Arbeit heim – na, ihr wisst schon.
Doch wenn die Gewohnheit anfängt, das Leben einzunehmen, beginnt das Leben zu schrumpfen. Und was schrumpft, vergeht – und was vergeht, stirbt. Nun wollte ich also versuchen, wieder zu leben. Was sich auf der Unterseite aller Steine des örtlichen Waldes versteckte, war mir bereits seit Jahren bekannt, und weder hatte er mir viel Neues zu erzählen noch ich ihm.
Dass ich spontan Urlaub bekam, war also ein Glücksfall – ebenso wie die recht günstigen Flug- und Hotelkosten. Meine Reiseplanung begann somit am Montag und die Reise zwei Tage später, am Mittwochmorgen.
Mittwoch
Seit ziemlich genau elf Jahren lebt Amar in Deutschland. Als der Bürgerkrieg in Syrien seinen Höhepunkt erreichte, nahm er seine Frau und floh mit ihr nach Deutschland. Gern würde er wieder in seine Heimat ziehen, doch es gebe noch nicht genügend Wohnungen. In zwei Jahren, hoffe er, werde es besser aussehen. Jeden Monat schicke er ein wenig Geld, das er als Uber-Fahrer verdiene, an seine Eltern nach Syrien, in die Nähe der jordanischen Grenze. Viele Syrer machten ihn wütend: Sie arbeiteten nicht und seien undankbar dem Land gegenüber, das sie damals mit offenen Armen aufgenommen habe. Außerdem seien sie Lügner: Sie seien als Gegner Assads geflohen und beteuerten nun, Gegner der neuen syrischen Regierung zu sein. Ich werfe ein, dass ich gern alle Syrer wieder aus meinem Land raushaben möchte. Amar kann das gut verstehen.
Der Flughafen in Dortmund ist an diesem Mittwochmorgen vollkommen überfüllt. Ich lasse den Blick neugierig schweifen, weil man am Flughafen, dort, wo sich jeder der vermeintlichen Kurzweiligkeit hingibt, nichts Besseres machen kann: ein paar Jugendliche, die gut gelaunt für den Flug nach Mallorca vortrinken, drei Polen, die ihre Familie verabschieden, aber nicht wirklich loslassen wollen, viele junge Familien, zwei richtig fette Zigeuner jungen Rentenalters, die versuchen, mit einem Flughafenmitarbeiter auf Rumänisch zu diskutieren. Der hat auf so einen Mist aber gar keinen Bock, winkt nur stirnrunzelnd ab und schiebt die beiden mit einer genervten Geste am Schalter vorbei. Er hat diese A10-Augen, die laut der Pyramide aus dem Internet dazu vorbestimmt sind, die Geschichte zu verändern.
Ich buche immer einen Gangplatz in der letzten Reihe, weil ich das Gefühl habe, die Fluggesellschaften füllen die Sitzreihen von vorn nach hinten auf, und hoffe darauf, auch dieses Mal wieder einen freien Platz neben mir zu haben. Hat geklappt. Links von mir, auf der anderen Seite des Ganges, sitzt ein junger Kerl, der vor Freude darüber, dass sich niemand neben ihn setzt und er gleich zwei leere Plätze neben sich hat, das Lachen kaum unterdrücken kann. Er grinst glücklich rüber und ich strecke meinen Daumen nach oben, um mich solidarisch zu zeigen. Nun … Erinnert ihr euch noch an die beiden Zigeuner? Die kommen als Allerletzte in das Flugzeug und quetschen den Typen an das kleine Fenster, und ich kann mir ein klein wenig Schadenfreude nicht verkneifen. Während andere Fluggäste bei dem schwulen Flugbegleiter Bier und Chips kaufen, bestellen die beiden solche asozialen Instantnudeln. Aus meinen Kopfhörern tönt heute eine wilde Mischung aus schwedischer Rockmusik, Nino Hofmann und Landser. Es sind 28 Grad, als wir in Rumänien landen.
Brașov ist eine rumänische Großstadt, die im 13. Jahrhundert vom Deutschritterorden als Kronstadt gegründet wurde. Sie liegt am Rand der Karpaten und diente jahrhundertelang den Siebenbürger Sachsen als Heimat. Vor etwa zehn Jahren bin ich mal auf einer Durchreise vor Ort gewesen, habe mich damals aber nicht wirklich mit der Stadt und deren Umgebung befasst.

Da der Flughafen äußerst klein ist, kann ich meinen Koffer zügig einsammeln und marschiere geradewegs zu den Taxis, die ungewohnterweise nicht am Flughafengebäude, sondern hinter den Parkplatzreihen stehen. Mein Fahrer ist ein älterer Herr vom Typ »Polohemd in der langen Hose und alte Sandalen an den Füßen«. Ich finde, die Höflichkeit gebietet es, wenn man ein fremdes Land bereist, einzelne Bruchstücke der Sprache zu lernen, sodass man zumindest erfragen kann, ob jemand Englisch spricht. »Yes, yes, a little!« Die Betonung liegt dabei zweifelsfrei mehr auf dem letzten als auf dem ersten Wort. Er ist allerdings ein lebens- und gesprächsfroher Mann und erzählt mir in einem Sprachgemenge aus Rumänisch, Italienisch, Englisch und Deutsch von der Arbeitssituation in Rumänien, von der Höhe der Berge und den Gefahren, die dort am Fuße lauern. »Ursii!«, sagt er – Bären. Ich sage lachend, dass ich darauf hoffe, einem zu begegnen, und deute schattenboxend an, dass ich mich mit dem Bären prügeln will. Der Fahrer lacht laut auf. Seine roten Wangen ziehen sich im Spiegel nach oben, sodass seine Augen nur noch zu Schlitzen werden. Wir reden noch ein wenig über den rumänischen Faschismus, Adolf Hitler und über die Zeit im Kommunismus und sind uns in unserer Negeraversion einig. Wild gestikulierend stellt er dar, wie in der Zigeunertradition Lebensmittel und Hygieneartikel unter den Röcken der Frauen verschwinden, und empfiehlt, Bärenspray nicht nur in der Wildnis einzusetzen. Einen Revolver habe er übrigens auch noch daheim rumliegen. Für diese außergewöhnliche Taxifahrt gebe ich ihm selbstverständlich ein üppiges Trinkgeld.
Hotel »Aro Palace«. Ein zweigeteilter Block: teils Sowjethochhaus, teils Bauhauskasten. Die weitläufige Lobby mit ihrer Art-déco-Einrichtung und den wuchtigen Ledersesseln ist größer als so manches Hotel in der Stadt, und man merkt sogleich, dass es sich hier einst um ein Luxushotel gehandelt haben muss. Die fünf Sterne würde ich nach heutigem Maßstab nicht mehr vergeben, aber die Eleganz vergangener Tage zieht noch durch die langen Flure, ähnlich wie der penetrante Gestank des Raumsprays, das mich mit einer geraden Rechten begrüßt, als ich den Fahrstuhl im fünften Stock verlasse, um zu meinem »King-Executive«-Zimmer zu gehen. Der Ausblick über die Altstadt ist wohl eines Königs würdig: die Schwarze Kirche, der Rathausturm, vor dem Hotel ein kleiner Marktplatz … Bestimme ich als König über das Schicksal der Fußgänger, die da unten noch nichts davon ahnen?
Ich schnappe meine Kamera und mische mich unter das gemeine Volk. In einem Hauseingang liegt ein sturzbetrunkener Penner, dessen umgekippte Bierflasche die Zwischenräume des Kopfsteinpflasters durchspült. Auf der anderen Seite der Gasse sitzen junge Damen in einem Café und genießen die Aussicht. Mein erstes Ziel ist ein kleiner Kramladen, in dem ich Bärenspray kaufen kann. Der Besitzer ist äußerst zuvorkommend und weist mich detailliert in die besten Verhaltensweisen im Falle einer Bärenbegegnung ein, warnt aber zugleich vor den aggressiven Hirtenhunden in den Bergen, gegen die er das Spray bereits habe einsetzen müssen. In der Stadt geht es für meinen Geschmack zu künstlich zu – alles ist für Urlauber hergerichtet –, und Fotos wollen mir an dem Spätnachmittag auch keine gelingen. Sicherlich könnte ich das gleiche Foto schießen, das schon Tausende andere Touristen geschossen haben, aber das Bild kann ich auch einfach aus dem Internet herunterladen.



Den vor Buchung bestätigten Zimmerservice gibt es nicht, wie mir die Rezeptionsfotze am Telefon erklärt. Für mich geht es in ein Restaurant über den Dächern der Stadt. Das Essen ist ganz gut, aber die Aussicht ist fantastisch. Auf dem gegenüberliegenden Hügel steht eine kleine Zitadelle, die von der untergehenden Sonne gülden gefärbt wird; am Turm weht die rumänische Trikolore. Später lege ich im Hotelzimmer meine Füße auf die Brüstung des schmalen Balkons und atme tief die klare Karpatenluft ein. Goldene Kirchenkuppeln, die das letzte Licht des Tages einfangen, schattige, verwinkelte Gassen, ein paar Tauben gleiten durch die abkühlende Spätsommerbrise, irgendwo bellt ein Hund.
Donnerstag
Es geht mit dem Zug nach Bușteni. Ich tarne mich als Berufspendler und nehme meinen Sitzplatz im vierten Waggon in Reihe 48 ein. Tickets gibt es hier nur mit Reservierung. Auffällig ist, dass dadurch nicht nur die Gänge leer und die Züge pünktlich sind, sondern auch der Lärmpegel auf ein Minimum begrenzt wird – keine Asozialen, die ihr niederes Benehmen auch in der Schwarzfahrerei widerspiegeln. Ich schaue neugierig aus dem Fenster, während der Zug an kleinen Bauernhäusern vorbeirollt, die zwischen Gleise und Bergfuß gequetscht sind. In fast jedem Garten laufen Hühner umher, und jedes zweite Haus hat eine rumänische Flagge angebracht. Das war mir bereits in der Stadt aufgefallen. Ein asphaltierter Weg kreuzt die Gleise und führt zu einer fünfstöckigen Sowjetstreichholzschachtel, vor der ein ranziger Trecker steht, dessen grüner Lack nur noch ein Zeugnis vergangenen Glanzes darstellt. An den meisten Fensterbänken sind Blumenkästen befestigt, und die roten und rosa Farben lenken vom heruntergekommenen Gebäude ab. Das Tal öffnet sich ein wenig und der Zug rollt in Bușteni ein.
Die Kleinstadt ist eine brennende Tourismushölle und durchzogen von Souvenirläden, wie man sie typischerweise aus Cala Rajada oder vom bulgarischen Goldstrand kennt. Hinter jeder Ecke lauert ein knallbunter Quechuawanderrucksack. Aber zum Glück stellt das Bucegigebirge sämtliche Decathlonhorden in den Schatten, und ich folge seinem Ruf in die Höhe.

Auf etwa zweitausend Metern gelangt man zum Hochplateau Babele, wo eine vom Wind gegerbte sphinxartige Felsformation zu sehen ist, die mich aber nicht sonderlich beeindruckt, da ich mit der knallenden Sonne und der dünnen Luft zu kämpfen habe. Zuletzt war ich vor mehr als zehn Jahren auf einem Berg, und auch wenn ich problemlos dreißig Kilometer marschieren kann, sind die ungewohnten Gegebenheiten vor Ort doch eine neue Herausforderung für mich. Meine Kamera ist mir eine praktische Ausrede, um hier und da kurz verweilen und durchatmen zu können. Auf der rechten Seite geht es steil runter, auf der linken Seite noch steiler hoch. Den Blick nach Osten gerichtet sieht man wellenartige Bergformationen in der Ferne, die ein wenig so aussehen wie die mit Wasserfarben gemalten Gebirge zu Schulzeiten, die mit zunehmendem Abstand immer mehr mit Wasser verdünnt wurden. Mein T-Shirt könnte ich bereits auswringen. Ganz oben auf dem Omu – dem sechsthöchsten Berg Rumäniens – steht eine kleine Hütte, in der es deftige Speisen und lauwarme Getränke zu kaufen gibt. Strom und fließendes Wasser gibt es dort nicht, und die Toilette ist ein holzummanteltes Loch im Boden, in das vor einigen Wochen ein Kind gefallen ist. Jedenfalls fährt der Besitzer und Koch der besagten Berghütte auf seinem Quad an mir vorbei, während ich mich die letzten Höhenmeter wie ein gaskrankes Schwein zum Gipfel quäle. Oben komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der aus Bușteni stammt, aber seit 2013 in Oxford lebt. Er erzählt mir von der Landschaft Rumäniens, den Weiten der östlichen Steppe und dem bergigen Herzen des Landes, der Wandlung der Natur im Griff der Jahreszeiten, von der Armut in den Dörfern und dem korrumpierten Reichtum der Städte. So klare Sicht wie heute habe man nur selten von der Spitze des Omu – meist steige der Dunst der Täler morgens zügig empor, sodass der Nebel den Blick in die Weite verwehre. Wir reichen uns die Hand, und er setzt sich wieder zu seinem Vater an den Rand des Abhanges.

Lange will ich nicht auf dem Berg verweilen. Die Karpaten sind das größte und dichteste Bärengebiet Europas, und insbesondere die Täler rund um das Bucegigebirge beheimaten Meister Petz in unzähliger Menge. Gerade in der Morgen- und Abenddämmerung werden die Braunbären besonders aktiv, und auf eine Begegnung aus der Nähe kann ich gern verzichten. Sonst schimpfe ich stets über die homoschwulen Schwuchteln, die mit Wanderstöcken auf die lokale Zechenhalde steigen oder sich damit rhythmisch auf ebenen Fußgängerwegen vorwärtsschwingen. Leider muss ich zugeben, dass beim Abstieg vom Omu der Wert dieser Stöcke nicht mit Gold aufzuwiegen ist – der geröllige, schmale Serpentinenpfad bietet schlechten Halt, und mehrmals verhindern diese schwulen Wanderstöcke ein Aus- oder womöglich sogar Abrutschen.


Ein wenig wundere ich mich darüber, dass niemand sonst den Berg durch das Valea Cerbului – das Hirschtal – hinabsteigt. Außer dem Geröll unter meinen Wanderschuhen höre ich nichts und bin froh, das Tal für mich allein zu haben. Die Vegetation ist eher karg; hin und wieder sehe ich schlichte Alpenveilchen oder Gänseblümchen, aber der Anblick eines Edelweißes ist mir leider nicht vergönnt. Felsbrocken und Steine jeglicher Größen zieren die begrasten Abhänge.
Irgendwo in der Ferne meine ich das Blöken von Schafen zu vernehmen, kann zunächst aber keine Tiere erblicken. Das liegt daran, dass ich nicht nach oben geschaut habe: Dicht aneinandergedrängt grast dort eine Schafherde unbeeindruckt an einer tiefstürzenden Klippe im Schein der Sonne und bewegt sich gemächlich zu neuen saftiggrünen Stellen vor.


Es geht weiter bergab. Der Pfad wird steiler und die Steine werden größer. An einem kleinen Felsvorsprung lasse ich einen Rumänen vorbei, dessen braungebrannter Bierbauch ein gutes Gleichgewicht zu seinem Rucksack herstellt. Tiefenentspannt steigt er den Berg hinauf und berichtet auf Englisch und Französisch, dass er gestern bereits oben gewesen sei, heute aber zu einer anderen Stelle müsse. Ich zeige ihm die Schafe, und es scheint, als habe er nach ihnen Ausschau gehalten. Es ist kein sonderlich gehaltvolles Gespräch, aber ich bin dennoch beeindruckt von der Leistung dieses Mannes, der im Alter meines Vaters ist. Wir ziehen beide weiter. »La revedere!« – »La revedere!«
Mittlerweile habe ich die Baumgrenze erreicht. Hochragende Lärchen und Fichten prägen nun die Landschaft, während Wacholder und Weidenröschen hauptsächlich einzelne Felsklumpen umringen. Da die Wege zunehmend enger werden und das Gestrüpp dichter, befestige ich eine Glocke an meinem Rucksack, die gegebenenfalls Bären vor einer überraschenden Begegnung mit einem Deutschen warnen soll. Zusätzlich öle ich die Kehle und beginne lautstark zu singen: »Wir werden die Berge berennen …«, und: »Es leuchtet vor uns die Sonne, sie leuchtet so klar und so hell …«, tönt und hallt es durch den Wald. Dazu bimmelt ohne Takt und Verstand die Glocke am Riemen. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde hole ich zwei Wanderer ein, die auf dem Omugipfel übernachtet haben. Es sind Rumänen aus Brașov,und einer weist mich sofort darauf hin, dass »in Romania, the bear is attracted by the bell, because sheep wear the bell«. Stattdessen solle man lieber nur laut rufen, wenn der Pfad eine Kurve macht, und zusätzlich entweder laut singen oder reden. Ich bedanke mich und werfe die Scheißglocke in den Rucksack.
Meine Beine, besonders die Knie, schmerzen enorm, und mein Magenknurren singt mit mir um die Wette. Da ich die beiden Rumänen aber weit hinter mir gelassen habe und seit geraumer Zeit wieder allein im Wald marschiere, will ich ungern stehen bleiben, um etwas zu essen, auch wenn ich eigentlich dringend eine Pause einlegen müsste – aber die Angst vor den Bären ist real, und so ziehe ich gequält weiter durch den dichten Wald. An einer Lichtung mit dem Berggipfel im Rücken sage ich zu mir: »Mensch, warum muss das nur so verdammt schön sein … Da will man doch die ganze Zeit verweilen und Fotos schießen …«
Was den Russen die Matrjoschkas, das sind den Rumänen die Täler. Mit jedem Tal öffnet sich meine Hoffnung, dass es nun das letzte sei und der Waldausgang zwischen den Baumstämmen hindurchscheine. Mit jedem Tal wächst mein Unmut, aber nach dem fünften oder sechsten muss ich letztlich darüber lachen, und Galgenhumor beflügelt. Noch etwa eine Stunde, und ich höre die Straße. Himmlische Luft – Freiheit! Freiheit!
Nun kurz meiner Mama schreiben, dass ich in Rumänien bin. Ich wollte ihr wegen der Wanderung keine Sorgen aufs Herz legen.
Eigentlich hatte ich geplant, wieder mit dem Zug zurück nach Brașov zu fahren, aber ich bin körperlich vollkommen am Ende, stinke wie eine Umkleidekabine und bin ja im Urlaub – da wird nicht aufs Geld geachtet. Der Taxifahrer spricht ein wenig Englisch. Es ist übrigens völlig überflüssig, mit einem Fremden eloquentes Englisch zu sprechen – dabei geht so viel flöten … Wenn nur noch auf das Wort geachtet wird, verliert man Gestik und Mimik aus den Augen; man hört nur noch mit den Ohren zu. Er erzählt nicht von irgendwelchen Statistiken und Zahlen, sondern davon, dass er keine Muslime in Rumänien haben will. Das braucht er nicht wortgewandt auszuschmücken, ich sehe es im Rückspiegel in seinen Augen: Wut mischt sich mit Verzweiflung. Am Spiegel baumelt ein rumänisch-orthodoxes Kreuz. Der Fahrer fragt mich, ob die AfD denn überhaupt brauchbar sei, denn er habe gesehen, dass die Partei mit jüdischen Organisationen paktiere. Wir unterhalten uns über die Flutung Rumäniens mit Sri Lankern und Nepalesen, und er bekreuzigt sich, als er seine Träume offenbart: Er will seine Leute, seine Kultur um sich haben. Das klingt schon fast zu klischeehaft. Ich frage ihn, ob er das Bärenspray haben möchte, da ich es nicht im Flugzeug transportieren kann und wir in Deutschland ohnehin keine Bären haben. »Use it for …«, erwidert er und freut sich dennoch über das Geschenk. Er guckt wieder in den Rückspiegel, als er mich nach Deutschlands Zukunft fragt:
»You believe you can do it?«
»100 %! In the end, Germany will win.«
»Good luck to your country, my friend.«
»Good luck to Romania, too.«
Im Hotel angekommen falle ich tot ins Bett.
Freitag
Heute geht es nach Prejmer (Tartlau), wo eine der größten Kirchenburgen des Landes steht. Auf der Fahrt ins Dorf beobachte ich den Straßenverkehr. Er ist ein bisschen wie mein Kinderzimmer damals: Meine Mutter wollte, dass ich aufräume, und ich verstand nicht, warum – ich fand doch alles. Jeder will als Erster am Ende der Straße ankommen, notfalls über den Standstreifen und mit Hupkonzert. Sprach Nietzsche davon? Sobald allerdings ein Zebrastreifen kommt und ein Fußgänger passieren will, hält jedes Auto sofort an, als habe es das Chaos nie gegeben. Sie finden sich zurecht im unaufgeräumten Kinderzimmer. Die Kirchenburg sieht ganz nett aus und ist sicherlich auch ein Bau, der seiner Zeit voraus gewesen ist, aber so wirklich will der Funke nicht überspringen. Im Inneren der Kirche sind Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges befestigt. »Sie starben für uns, auf dass wir leben konnten«, steht auf der einen. Lange halte ich mich nicht in der Burg auf, sondern entferne mich rasch von der Hauptstraße, die mit Reisebussen geflutet ist. Fast jedes Grundstück besteht aus einem Wohnhaus mit angrenzendem Hof und einem prächtigen – mal hölzern, mal geschmiedet – Hoftor. Typisch für rumänische Dörfer sind die betonierten offenen Entwässerungsgräben, die nur durch Einfahrten unterbrochen werden und den Grundstücken damit einen burgartigen Eindruck verleihen. Zwischen Graben und Fußgängerweg befindet sich meist eine kleine Grünfläche, die städtisch zu sein scheint, aber von vielen Anwohnern bepflanzt und gepflegt wird. Meterhohe Rosen ranken dort, zahlreiche bunte Blumen, die ich nicht benennen kann, und manch einer hat sogar Gemüsepflanzen vor der Haustür stehen. Links von mir ist eine Brutărie, eine Bäckerei, wie ich sie in Deutschland noch nie gesehen habe: Es gibt keine beleuchtete Schaufensterfront, sondern bloß ein handbemaltes Schild am Hoftor und einen grünen Aufsteller, die darauf hindeuten, dass sich im Innenhof der Eingang zu der Bäckerei befindet. Zwei Kunden grüßen sich per Handschlag, beide lachen.
Eine rotbraune Straßenkatze lässt sich kurz von mir streicheln, eine schwarze Katze bringt hingegen ihre Beute in Sicherheit. Ein braungebrannter und faltenreicher Rumänenboomer kommt mir auf dem Fahrrad entgegen, grüßt mit einer Hand und fällt dabei fast vom Rad. Seine Schnapsfahne rieche ich aus fast zwei Metern Entfernung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kann ich durch einen dunkelgrünen Metallzaun einen Blick in den Garten werfen, der kaum größer als der eines gewöhnlichen Reihenhauses in NRW ist: Die bauen hier einfach verfickten Mais im Garten an. Ist das geil. Aber als wäre das nicht schon genug, rümpfe ich plötzlich die Nase … Da treibt ein penetranter Viehgestank aus einer größeren Garage in Richtung Straße. Jetzt höre ich auch das Grunzen … Ich liebe Rumänien! Viele Menschen kommen mir nicht entgegen, die meisten sind Dachdecker – und die müssen wahrlich gefragt sein, denn die Dächer sind flächendeckend in einem schlechten Zustand. Auf einem kleinen Spielplatz sind zwei Zigeunerfrauen mit ihren Blagen. Der Muskelkater in meinen Beinen und der Sonnenbrand am Rest des Körpers melden sich … Es geht zurück nach Brașov.
Es folgt ein bisschen Tourismuskram: Weberbastei, Rastplatz und Schwarze Kirche. Reicht dann auch. Ich hole mir aus dem Hotelzimmer meinen Spengler und setze mich in den angrenzenden Stadtpark. Es ist schon komisch … Würde ich mich zu Hause in den Park setzen und ein Buch lesen, käme ich mir zwischen den ganzen Kanaken und Pennern vollkommen fehl am Platze vor. Hier hingegen … Junge Eltern sitzen an einer Wasserfontäne, während ihre Kinder darum herumlaufen; zwei Bänke neben mir liest eine ältere Dame ebenfalls ein Buch. Irgendwo wird klassische Musik abgespielt. Nirgendwo kann ich Müll auf dem Boden finden, und das gilt nicht nur für den Park, sondern auch für die restliche Stadt, ebenso für das Dorf vom Vormittag. Ich lege das Buch beiseite und beobachte die Menschen. Mir fällt auf, dass die alten Rumänen optisch in der Zeit der Sowjetunion stehen geblieben sind: die langen Blumenkleider und -röcke könnten so auch vor 60 Jahren in den Plattenbausiedlungen Moskaus getragen worden sein. Die jungen Leute hingegen scheinen deutlich westlicher geprägt zu sein. Nicht so weit westlich wie viele Deutsche, die ihr kulturelles Dasein aus den Vereinigten Staaten absorbieren, sondern eher mitteleuropäisch orientiert. Die meisten sind schlank gebaut und geben sich zumindest nicht der westeuropäischen Fettleibigkeitsmoderne hin. Eine Reisegruppe läuft durch den Park, und ich erkenne an der hässlichen Kleidung sofort, dass es Deutsche sind. Die jüngeren rumänischen Frauen tragen entweder stilvolle Kleider – oder laufen wie die dreckigsten Nutten umher.
Während ich dasitze, kommt mir Goethes: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«, in den Sinn. Die innere Zerrissenheit von uns Deutschen, unsere Ambivalenz des Seins, immer nach oben oder nach vorn gewandt, aber nie wirklich entspannt verweilend. Unsere volksseelische Tiefe entsteht durch ebenjene Zwiespältigkeit, die vom Einst zum Einst führt und uns als bewegtes Volk bewohnt. Die Rumänen haben so etwas nicht. Sie haben hingegen etwas, das die Gegenwart erhöht: eine Seele, die in ihrer Brust lebt. Und die Rumänen leben. Ich sehe es im Park, wie ich dasitze und ihre Volksseele zu verstehen versuche. Ich fühle mich fremd in Deutschland.
Hinter der Fontäne stehen betonierte Schachtische, an denen mehrere Rentner sitzen und spielen. Hier gehört Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit zum guten Ton, und wer keine Bierdose in der Hand hält, führt eine Colaflasche mit unbekannter Flüssigkeit mit sich. Ich grüße und setze mich zu ihnen, kann zwar kein Wort verstehen, aber ich genieße das Leben.
Samstag
Heute geht es nach Astra, dem sowjetischen Arbeiterviertel der Stadt. Hier könnte hinter jeder Ecke Bald and Bankrupt lauern und Sonnenblumenkerne in sich schaufeln. Kennt ihr diese heruntergekommenen Spielplätze mit bunt lackierten Metallrutschen aus der Sowjetunion, die von kleinen Drahtzäunen eingerahmt sind und vor kargen Plattenbauten stehen? Genau solche gibt es hier.


Kinder sehe ich keine, aber dafür eine alte Frau, die auf der Schaukel sitzt und an einer Zigarette zieht. Im Astraviertel gibt es einen Bauernmarkt, den Piața Astra, dessen Eingang ein bisschen an die blauen Tore eines Fischerhafens erinnert. Wenn man dreist genug ist, kann man auf solchen Märkten hervorragend Fotos schießen – leider bin ich es nicht. Da der Markt nicht von Touristen aufgesucht wird, möchte ich die schuftenden Händler nicht belästigen und begnüge mich mit einem einzigen Schnappschuss einer alten Marktfrau, die vermutlich schon ihr ganzes Leben lang Gemüse an solchen Ständen verkauft hat. Bauern und lokale Verkäufer bieten hier alles an, was im Garten oder auf dem Feld angepflanzt werden kann. Dicht drängen sich die Menschen aneinander vorbei, hier und da ruft einer nach Kunden. Ein Händler lässt seine Metalldose mit dem ganzen Kleingeld fallen, das unter dem Tisch zwischen die Beine der Käufer rollt und sich unter den Obst- und Gemüseauslagen verteilt. Die Gänge sind äußerst eng, und ich lasse einen bärtigen Mann, an dessen Hut zwei gelbe Blumen befestigt sind, an mir vorbeiziehen. Besonders fällt mir eine Frau auf, die keinen Stand hat, sondern eine kleine, braune Plastikkiste vor sich gestellt hat und nichts als ein paar lose Kartoffeln verkauft. Neben einem Melonenstand stehen drei Alkoholiker und starren leblos auf die vorbeiziehenden Marktgänger. Genau so stelle ich mir osteuropäische Schnapsnasen vor: Jogginghose, gestreifter Pullover, Schiebermütze auf dem Kopf und Kippe im Maul.

Genug vom Markt. Ich streife zwischen den Hochhäusern umher und sehe einen dicklichen Rentner im weißen Unterhemd, der die Straße vom Fenster seiner Wohnung im achten Stock aus beobachtet. Seine Nachbarn haben die graue Fassade mit farbenfrohen Blumen an den Fenstern aufgefrischt, und ein paar Balkone weiter flattern Bettlaken und Hosen im Wind. Oberirdische Stromleitungen kreuzen sich mit den grünen Doppelpeitschenmasten, oben sitzen Tauben drauf und unten liegt ein Penner an das lackierte Stahlrohr angelehnt. Mir kommt kurz darauf ein weiterer Penner entgegen, der wirklich heruntergekommen ist und weder Kopf noch Beine richtig anheben kann. So heruntergekommen, dass da eigentlich keinerlei Leben mehr in ihm steckt, und ich frage mich, was solchen Gestalten wohl durch den Kopf gehen mag … Es gibt keine Zukunft, ja nicht einmal eine echte Gegenwart für sie. Bereits zum dritten Mal treffe ich nun auf zwei Omas, die mich lachend grüßen.
Südwestlich der Altstadt liegt das Prund-Șchei-Viertel. Historisch kann ich nicht sonderlich viel dazu sagen, außer dass es das Viertel der Rumänen zu Zeiten der Siebenbürger Sachsen gewesen ist. Im Gegensatz zu den deutschen Gebäuden der Altstadt und den sowjetischen Arbeiterbezirken findet man hier größtenteils rumänische Architektur vor. Die Straßen verlaufen kreuz und quer, steigen steil an, wechseln zwischen Asphalt und Kopfsteinpflaster; plötzlich führen Treppenstufen nach unten. Hier könnte man sicherlich gute Verfolgungsszenen für einen Actionfilm drehen. Mir fällt auf, dass die Rumänen mit Sand oder Wasser gefüllte Kanister auf leere Parkplätze am Straßenrand stellen, um sich diese zu sichern. Garagen gibt es in dem Viertel so gut wie gar keine. In einer Regenrinne liegt eine graubraun gestreifte Katze und lässt ihre Beine über den Rand baumeln. Von Prund Șchei aus schlendere ich entspannt zum Hotel zurück und komme auf dem Weg an einem kleinen Friedhof vorbei, der mir gestern bereits aufgefallen war, dem ich aber keine weitere Beachtung geschenkt habe. Nun, aus der anderen Richtung kommend, sehe ich erst, dass es ein deutscher Soldatenfriedhof ist. Seite an Seite liegen sie dort, rund zwei Dutzend Reihen deutscher Helden. Ganz vorn sehe ich unsere Farben … Jemand hat dort ein schwarz-weiß-rotes Band abgelegt. Vielleicht Burschenschafter? Ich wische einzelne kleine Äste und Blätter vom Gedenkstein und stehe stramm.

Am Abend findet auf dem Marktplatz als Abschluss eines Mittelalterfestivals ein Konzert statt. Und während die Leute zu der rumänischen Volksmusik tanzen und sie lebendig genießen, ertappe ich mich dabei, wie ich auf dem Balkon selbst mit den Beinen auf- und abwippe. Stecken mich die Rumänen mit der Lebenskrankheit an? Der Ohrwurm hallt auch lange, nachdem das Konzert bereits vorbei ist, in meinem Kopf nach. Morgen geht es wieder nach Deutschland.
Sonntag
Die Wolken stehen am frühen Morgen äußerst tief im Tal, und bevor ich zum Flughafen muss, zieht es mich noch ein letztes Mal mit der Kamera in die Stadt hinein. Bis auf einzelne Morgenstreuner ist die Innenstadt wie leer gefegt. Ich kaufe mir eine Sesambrezel und setze mich neben dem Weißen Turm der alten Befestigungsmauer auf eine Bank. In Frankfurt wäre hier alles voller Heroinspritzen. Sicherheitskontrolle am Flughafen, Sprengstoffwischtest und anschließend ein Gate voll mit abreisenden Westfleisch- und Tönniesmitarbeitern. Der Flieger zurück in die Gewohnheit hebt ab. Genug geschrieben.
(Autor: Götz/Lebensglut)