Die soeben erschienene aktuelle Ausgabe der germanistischen Fachpublikation Zeitschrift für deutsche Philologie widmet sich nicht nur sprach- und literaturtheoretischen Fragen. Im Beitrag »Zwischen Mythos und Missbrauch« geht es um die rechte Lesart des Nibelungenliedes – am Beispiel des »popkulturellen Plaudertones« im Jungeuropa-Podcast. Linus Ammer (bekannt als Interviewgast) ordnet die Einordnung ein.
Wer keine Völker, Nationen und angestammten Identitäten mag, der ist auch allem feindlich gesinnt, was diese aufrechterhält: selbstbewussten Leitfiguren, epischen Erzählungen, Vorzeithelden und stammesstolzen Herkunftsmythen. Das gestörte Verhältnis zur eigenen Gruppe wird zum gestörten Verhältnis zum eigenen Sagenstoff und letztlich auch zum gestörten Verhältnis zu sich selbst.
An Leiden dieser Art kranken viele Geisteswissenschaftler, insbesondere, wenn sie als Philologen – dem Wesen ihres Faches gemäß – um deutschen Sagenstoff nicht herumkönnen. Darum sind sie auch eilig zur Stelle, wenn die Begriffe »Nibelungen«, »Arminius«, »Siegfried« auftauchen und einmal ganz ohne dekonstruktivistisches Skalpell als die identifikationsstiftenden Leitmotive gehandhabt werden, als die sie bereits in der Völkerwanderungszeit auftauchen.
Die Linguistinnen Nadine Popst und Angila Vetter waren jüngst so fleißig, die deutschfreundliche Geschichtsauffassung rechter Akteure, darunter auch des Jungeuropa-Podcasts (Von rechts gelesen 116: »Hagen, der Deutsche«), wissenschaftlich »einzuordnen«. Wir haben Geschichtsunterricht in der BRD genossen und wissen darum sofort, welche Schlagworte jetzt kommen – genau: »Mythos« und »Missbrauch«.


Wer mit seinem Volk und dessen Geschichte nicht im Reinen ist, der muss sie abschaffen, abbrechen wollen. Denn im Umgang mit Geschichte gibt es gemäß Nietzsches unterschätzter und weniger bekannter Schrift Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben nur drei Möglichkeiten: Man kann sie 1) monumentalisieren und heroisieren, man kann sie 2) konservieren und erhalten, oder man kann sie 3) kritisch einreißen. Nietzsche erklärt auch, dass alle drei Umgangsweisen ganz natürlich sind und instinktiv auftreten.
Sie erfüllen verschiedene Zwecke: Der heroisierende Geschichtsumgang nimmt einen wünschenswerten Zustand und zeigt auf: »Das war einmal möglich!«, mit der Implikation, dass es also erneut möglich sein könne und als Ideal anzustreben sei. Der erhaltende Modus der Geschichte pflegt das Funktionierende und sorgt damit passiv und unbewusst dafür, dass es weiterhin funktioniert. Er erhält Tradition und Sitte, die nicht zufällig, sondern normalerweise gesellschaftsstützend und lebensdienlich sind. Ein gutes Beispiel sind Märchen, die von Tausenden Müttern über Dutzende von Generationen an Kinder weitergegeben werden und viele Lehren und Lebensweisheiten enthalten, gewissermaßen also evolutionär adaptiv sind.
Die dritte Umgangsform, die kritische, zerteilende, hält Nietzsche auch für notwendig, nämlich immer dann, wenn ein schlechter, nicht wünschenswerter oder nicht funktionierender Brauch gebannt und wirkungslos gemacht werden soll. Nur so könne man schädliche Auffassungen auch wieder aus dem Volksbewusstsein lösen und durch bessere ersetzen.
Plötzlich leuchtet ein, warum die Post-68er-Moderne fast ausschließlich zur dekonstruktivistischen Abrissbirne greift: Sie steht im krassen Widerspruch zu 99 Prozent der Weltgeschichte. Alle Zeiten und Gegenden der Welt waren tribal, kriegerisch, patriarchal, traditionell und ethnozentrisch.
Der gegenwärtige Progressismus kann in der Geschichte nur sehr wenige Dinge finden, die sich für ihn heroisieren oder konservieren lassen. Er steht der menschlichen Natur feindselig gegenüber – und damit auch sämtlicher Vergangenheit. Die Moderne ist die Anomalie. Sie hat dem Großteil der Geschichte den Fehdehandschuh hingeworfen. Mutig. Und eine unerschöpfliche Goldgrube für »kritisches Einordnen«.
Ob ein Geisteswissenschaftler das erkennen könnte, läse er diese Schrift Nietzsches? Vermutlich würde er instinktiv eher das Denken des Philosophen einordnen, um sein eigenes behalten zu können. In jedem Fall könnte man urteilen, er hätte das Handwerk gelernt: Wenn es dir nicht passt, zerlege es kritisch. Die Frage, ob damit dem »Nutzen für das Leben« gedient ist, könnten wir hier vorerst probabilistisch beantworten und uns auf die Seite der Weltgeschichte bis 1968 stellen.

Jedenfalls erkennen die beiden Linguistinnen hervorragend, was der Zweck von Sagen ist. Auf Philip Steins neutrale Aussage, der Nibelungenstoff sei eine »uralte deutschskandinavische, im weitesten Sinne europäische Geschichte«, reimen sie sich eine »Ethnisierung« und ein »gemeinsames ›europäisches‹ Kulturerbe […], das gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen sei«, zusammen.
Nietzsche gäbe hier 100 Punkte. Völker haben ihre Sagen und nutzen sie, um sich als Gruppen zu definieren sowie Bedrohungsszenarien mit starken Heldenfiguren zu kontern. Dient dem Leben. Zwei plus. Setzen. Das hat Stein hier möglicherweise gar nicht aussagen wollen, aber sie haben instinktiv erkannt, worum es geht.
Auch dass Völker »kollektive Subjekte« sind, die ein Eigenleben haben – und damit implizit wohl auch nicht sterben, sondern gedeihen wollen –, fällt den Autorinnen auf. Aus der Aussage im Podcast: »Hagen und Siegfried sind die zwei Herzen, die in der deutschen Brust schlagen«, interpretieren sie, die Figuren würden »aus ihrer narrativen Funktion in symbolische Repräsentationen eines kollektiven Subjektes [überführt]«.
Ganz richtig, so funktionieren Mythen bei allen Völkern und Stämmen der Erde. Der Charakter epischer Figuren ist nicht trennbar von dem Kulturraum, der ihn geschaffen hat. Durch Sagenfiguren reflektiert, verinnerlicht, identifiziert, leitet er. Dient dem Leben. Nochmal hundert Nietzschepunkte.
Wenn im Podcast dann am Ende Buchempfehlungen für junge Leser ausgesprochen werden, erkennen die beiden Linguistinnen eine weitere Funktion der Geschichte: »Heldensage wird […] systematisch als Erziehungsmittel für die Jugend eingesetzt.« Bitte mehr davon. Absolut lebensdienlich.
Jetzt fehlt nur noch, dass man Mythen in dialogischer, mündlicher Form tradiert und am flackernden Lagerfeuer von Angesicht zu Angesicht lebhafte Kultur und Identität in Form gießt. Dann wären wir ja tatsächlich bei einem kerngesunden Naturvolk angekommen. Die Sprachwissenschaftlerinnen schließen ihren Beitrag: »Der popkulturelle Plauderton ist dabei das Mittel, die behaupteten Zusammenhänge als selbstverständlich erscheinen zu lassen.«
(Autor: Linus Ammer)