In der »Bookstagram«-Szene wird aktuell viel über die Ankündigung des Rowohlt Verlages gesprochen, im Frühjahr 2027 einen gänzlich neuen, aus dem wiedergefundenen Nachlass geretteten Roman Louis-Ferdinand Célines zu veröffentlichen. Der Titel: London. 656 Seiten soll die deutsche Ausgabe umfassen, übersetzt hat sie Till Bardoux. Rowohlt selbst spricht vom »zweiten Roman aus dem sensationellen Manuskriptefund«. Als Erscheinungstermin ist der 12. März 2027 geplant.
Und die Geschichte hinter diesem Manuskriptfund ist tatsächlich spektakulär. Doch was wird Rowohlt da eigentlich veröffentlichen? Tatsächlich einen bislang unbekannten Céline-Roman?
Tausende Seiten, verschwunden seit 1944
Um das einordnen zu können, muss man zunächst in das Jahr 1944 zurückgehen.
Louis-Ferdinand Céline lebte damals mit seiner Frau Lucette in der Rue Girardon auf dem Pariser Montmartre. Nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 verließ er Frankreich und floh zunächst nach Deutschland, später nach Dänemark. In seiner Pariser Wohnung blieb ein beträchtlicher Teil seiner literarischen Arbeit zurück. Nach der »Befreiung« von Paris waren die Manuskripte dann verschwunden.
Céline selbst sprach später immer wieder davon, dass seine Papiere gestohlen worden seien. Unter den Verdächtigen befand sich zeitweise auch Yvon Morandat, ein bedeutendes Mitglied der Résistance und späterer Staatssekretär, der die Wohnung Célines nach dem Abzug der Deutschen aus Paris bezogen hatte. Morandat wiederum versuchte später offenbar, Céline Unterlagen und sonstiges Eigentum zurückzugeben. Der Autor lehnte zumindest einen Teil davon ab, weil er die ihm angebotenen Papiere lediglich für Entwürfe und Vorstufen hielt. Danach verlor sich die Spur für Jahrzehnte.
Erst viele Jahre später gelangten große Mengen der verschwundenen Dokumente in die Hände des Journalisten und Theaterkritikers Jean-Pierre Thibaudat, der unter anderem für die linke Tageszeitung Libération gearbeitet hatte. Nach seiner eigenen Darstellung meldete sich ein Leser bei ihm und übergab ihm große Säcke voller Célinemanuskripte. Geld habe der Mann dafür nicht verlangt. Eine Bedingung habe es allerdings gegeben: Solange Célines Witwe Lucette Destouches lebe, dürften die Dokumente nicht öffentlich gemacht werden. Der »Spender« habe verhindern wollen, dass sie finanziell von den Papieren profitierte.
Thibaudat bewahrte die Dokumente daraufhin über Jahrzehnte hinweg auf, ordnete sie und begann, die teilweise schwer lesbaren Handschriften zu transkribieren.

Das Ausmaß des Fundes war enorm. Die später von der Polizei erfasste Sammlung bestand aus 5324 Blättern. Darunter befanden sich rund 1000 Seiten des Manuskriptes von Mort à crédit – ins Deutsche übertragen als Tod auf Kredit bzw. Tod auf Raten –, umfangreiches Material zu Casse-pipe (dt. Kanonenfutter) sowie zwei bis dahin unveröffentlichte größere Texte: Guerre und Londres.
Erst nach dem Tod von Célines Witwe aufgedeckt
Lucette Destouches starb im November 2019 im Alter von 107 Jahren. Damit sah sich Thibaudat nach eigener Darstellung nicht länger an sein Versprechen gebunden.
Über den auf Urheber- und Verlagsrecht spezialisierten Anwalt Emmanuel Pierrat nahm er 2020 Kontakt zu Célines Rechtsnachfolgern François Gibault und Véronique Chovin auf. Am 11. Juni 2020 kam es zu einem Treffen. Schnell entwickelte sich jedoch ein Streit darüber, wem die Manuskripte rechtlich zustanden und was mit ihnen geschehen sollte.
Die Erben erstatteten schließlich Anzeige wegen Hehlerei. Thibaudat übergab die vollständige Sammlung der französischen Polizei. Experten der Bibliothèque nationale de France bestätigten anschließend die Echtheit der Dokumente.
Am 19. Juli 2021 wurden die Manuskripte den Rechtsnachfolgern Célines übergeben. Die Ermittlungen wegen Recel de vol, also »Hehlerei mit Diebesgut«, wurden einige Monate später eingestellt. Die Staatsanwaltschaft konnte nicht zweifelsfrei rekonstruieren, auf welchem Wege die Papiere von 1944 an schlussendlich zu Thibaudat gelangt waren.
Die Geschichte erhielt allerdings noch eine weitere Wendung. Im August 2022 erklärte Thibaudat schließlich öffentlich, die Familie Yvon Morandats habe ihm die Manuskripte überlassen. Damit schloss sich zumindest nach seiner Darstellung ein Kreis. Die genaue Überlieferungsgeschichte der einzelnen Papiere lässt sich dennoch nicht in allen Punkten zweifelsfrei rekonstruieren.
Die gelegentlich zu lesende Kurzfassung, die Manuskripte seien »2021 aufgetaucht«, greift also etwas zu kurz. Sie befanden sich bereits lange zuvor in Thibaudats Besitz. 2021 wurden ihre Existenz und ihr Umfang einer breiten Öffentlichkeit bekannt und die Papiere schließlich an Célines Rechtsnachfolger übergeben.
Das erste Buch aus dem Fund: Krieg
Bevor London nun 2027 auf Deutsch erscheint, ist bereits ein anderer Text aus diesem Fund veröffentlicht worden: Krieg.
Gallimard brachte im Mai 2022 zunächst Guerre heraus. Das Buch wurde in Frankreich ein großer kommerzieller Erfolg. Wenige Monate später, im Oktober 2022, folgte bereits die französische Ausgabe von Londres. Der französische Interessent kann den Text, über dessen deutsche Veröffentlichung gerade gesprochen wird, also bereits seit vier Jahren lesen.

Rowohlt veröffentlichte Guerre im September 2023 unter dem deutschen Titel Krieg, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Der Verlag bezeichnete es damals selbst als »erstes Buch aus diesem Konvolut«. Die deutsche Ausgabe umfasst 192 Seiten und wurde auf Grundlage der wissenschaftlich betreuten französischen Pléiade-Ausgabe erstellt.
Auch wir haben uns in unserem Podcast Von rechts gelesen ausführlich mit diesem Buch und der Geschichte des Fundes beschäftigt. Die Episode erschien am 16. Januar 2026. Darin geht es neben dem Text selbst auch um Céline, seinen literarischen Rang, seine politische Belastung und die besondere Editionsgeschichte dieses wiedergefundenen Materials.
London ist also nicht das erste Werk, das aus diesen Papieren hervorgegangen ist. Es ist nach Krieg der zweite große Text dieses Komplexes, der nun auch auf Deutsch zugänglich gemacht wird.
Wie neu ist London tatsächlich?
Bei Londres handelt es sich zunächst zweifellos um einen zu Célines Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Text.
Das wiedergefundene Manuskript umfasst mehr als 1000 handschriftlich beschriebene Seiten und besteht aus drei Teilen. Es entstand vermutlich in engem zeitlichem Zusammenhang mit Guerre, wahrscheinlich in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre. Insofern ist die Bewerbung als wiedergefundener, zuvor unveröffentlichter Célinetext durchaus gerechtfertigt. Neu ist allerdings vor allem der konkrete Text. Deutlich weniger neu ist die Geschichte.
Denn Londres erzählt von Ferdinand, Célines literarischem Alter ego, nach dessen Verwundung im Ersten Weltkrieg. Ferdinand gelangt nach London und bewegt sich dort in einem Milieu aus französischen Deserteuren, Prostituierten, Zuhältern, Kriminellen und anderen zwielichtigen Existenzen. Wer Céline kennt, dürfte an diesem Punkt bereits hellhörig werden. Genau diese Konstellation bildet nämlich auch den Stoff von Guignol’s Band.
Rowohlts eigene Beschreibung der deutschen Ausgabe von Guignol’s Band I liest sich bemerkenswert ähnlich: London im Jahr 1915, der verwundete Ferdinand und ein »halbkriminelles Milieu« aus Zuhältern, Prostituierten, Hehlern und Bombenlegern. Der Roman erschien erstmals 1944 bei Denoël (heute Teil von Gallimard); die erste deutsche Übersetzung folgte 1985 bei Rowohlt.

London präsentiert somit keinen bislang unbekannten Lebensabschnitt Ferdinands, der erst durch den Manuskriptfund sichtbar geworden wäre. Es handelt sich vielmehr um eine frühere literarische Bearbeitung jenes Londoner Stoffes, den Céline später in Guignol’s Band erneut aufgriff.
Guerre und Londres: schon 1934 geplant
Auch die Entstehungsgeschichte spricht dafür: Bereits 1934 erwähnte Céline gegenüber seinem damaligen Verleger Robert Denoël ein umfangreicheres Projekt, das unter anderem die Stationen Kindheit, Krieg und London umfassen sollte. In diesen Arbeitszusammenhang werden die wiedergefundenen Manuskripte Guerre und Londres eingeordnet.
Guerre endet gewissermaßen dort, wo der Londonkomplex beginnt: Ferdinand verlässt Frankreich in Richtung England. Das anschließende Manuskript Londres führt ihn in die Londoner Unterwelt.
Céline veröffentlichte beide Texte damals allerdings nicht. Stattdessen kehrte er Jahre später zum Londoner Material zurück und begann noch einmal neu. Daraus entstand schließlich Guignol’s Band. Das macht die Sache komplizierter als die einfache Formel: »London ist eine Frühfassung von Guignol’s Band.« Ganz falsch wäre diese Deutung nicht – aber sie wäre ungenau.
Keine bloße Frühfassung
Der Célineforscher Pierluigi Pellini hat auf genau diesen Unterschied hingewiesen. Londres sei nicht einfach ein früher Entwurf, der anschließend Stück für Stück überarbeitet worden sei, bis am Ende Guignol’s Band stand. Céline habe das Manuskript vielmehr beiseitegelegt und den Stoff später neu begonnen. Pellini bezeichnet Londres deshalb als einen Moment in der Genese von Guignol’s Band.
Das bedeutet: Figuren, Milieu, biografischer Ausgangspunkt und zahlreiche erzählerische Motive überschneiden sich, die konkrete literarische Ausführung aber nicht. Guignol’s Band ist eine grundlegende Neubearbeitung des gleichen Materials. Darin liegt auch der eigentliche Wert des Fundes.
Wer beide Bücher liest, kann nachvollziehen, wie Céline Jahre später aus dem gleichen Stoff etwas Neues machte – wie er Figuren veränderte, Szenen neu ordnete und vor allem seinen Stil radikalisierte.
Auch stilistisch liegt viel zwischen den Texten
Gerade stilistisch darf man Londres und Guignol’s Band nicht gleichsetzen.
Der Céline von Guignol’s Band schrieb bereits in jener radikal rhythmisierten, mündlich wirkenden Sprache, die zu seinem Markenzeichen wurde: Satzfragmente, Auslassungspunkte, abrupte Dialoge, Slang, Wiederholungen und ein Sprachtempo, das den Text beinahe musikalisch organisiert.
Londres stammt dagegen aus einer früheren Arbeitsphase und trägt teilweise deutlich den Charakter eines noch nicht abschließend bearbeiteten Manuskriptes.
Das erklärt auch, weshalb einige Célineforscher mit dem Begriff »neuer Roman« vorsichtig umgehen.
Henri Godard, einer der bedeutendsten Herausgeber und Kenner Célines, plädierte dafür, Texte wie Guerre und Londres eher als Dokumente der Werkentstehung zu betrachten. Céline selbst hatte sie schließlich weder veröffentlicht noch für eine Veröffentlichung in der heute vorliegenden Form autorisiert.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die editorische Einordnung bei Gallimard: In der Pléiade-Werkausgabe stehen Guerreund Londres nicht einfach zwischen den regulär publizierten Romanen, sondern in einer eigenen Abteilung: »Textes retrouvés«, also »wiedergefundene Texte«. Guignol’s Band I und Guignol’s Band II hingegen stehen im eigentlichen Romanwerk. Das ist keine Abwertung. Im Gegenteil: Gerade als Dokumente der Entstehung eines späteren Hauptwerkes sind diese Texte literaturgeschichtlich außerordentlich interessant.
Was also veröffentlicht Rowohlt 2027?
Rowohlt wirbt für London mit der Formulierung: »Der zweite Roman aus dem sensationellen Manuskriptefund« – und erklärt, Ferdinands Geschichte werde darin »weitererzählt«. Beides lässt sich begründen. Der Text ist umfangreich, erzählerisch hinreichend geschlossen für eine Buchausgabe und wurde zu Célines Lebzeiten tatsächlich nie publiziert. Dennoch entsteht leicht ein falscher Eindruck, wenn daraus ein »völlig neuer« Célineroman mit bislang unbekannter Handlung wird. Denn das ist London nicht.
London ist vielmehr eine frühe, eigenständige Bearbeitung jenes biografisch-literarischen Londonkomplexes, aus dem Jahre später Guignol’s Band entstand.
Wer Guignol’s Band bereits kennt, bekommt 2027 nicht einfach noch eine bislang unbekannte Célinegeschichte. Er kann vielmehr einem Autor dabei »zusehen«, wie aus einem zunächst verworfenen Manuskript Jahre später ein anderes Werk entsteht. Figuren tauchen wieder auf, Motive werden verschoben, Ereignisse neu gestaltet, und vor allem verändert sich Célines Sprache fundamental.
London ist deshalb weniger ein nachträglich entdecktes neues Kapitel hinter dem bekannten Werk Célines als vielmehr ein überraschend geöffnetes Fenster in seine Werkstatt. Das macht die Veröffentlichung nicht weniger interessant – aber es erklärt genauer, was da eigentlich gefunden wurde.
(Autor: Philip Stein)